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1. Reiseziele |

KALINGA ist der historische Name des heutigen
Odisha
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Konark, am Surya-Temple: Foto: Christa
aus Augsburg |
Inhalt
Kalinga? Orissa? Nein,
Odisha!
Bunte Ketten
und ein kleines Messer im Haar
Zeitreise zu
den Wurzeln der Menschheit - die Bonda
Konark – die Wurzeln der hinduistischen
Erotik in uralten Stammesritualen
Diese Rubrik wurde am 2. Februar 2010 aktualisiert

Das Projekt startete im Jahr 2000. Durch Chandrashekhar aus Rajasthan lernten wir Sanghamithra "Mitra" Jena kennen. Mit ihr organisierten wir Anfang 2000 eine 5-wöchige Expedition zu den wildesten Stammesgemeinschaften Indiens. Sie leben im Westen der Provinz ODISHA und haben sich seit tausend Jahren ihre animistischen Traditionen bewahrt – sie wollen zum großen Teil mit unserer „Zivilisation“ nichts zu tun haben.
Wir besuchten die Hüttensiedlungen der Bonda, Dongaria und Gadhaba und erlebten ihre farbenprächtigen Wochenbasare – aber wir sahen auch die Strände am Golf von Bengalen, die prächtigen hinduistischen und buddhistischen Bauwerke im Westen Odishas.
Die schönsten Ziele wählen wir aus für unsere Entdeckungsreise – und nehmen auch hier den historischen Namen Odishas und bieten Dir eine Reise in die Vergangenheit: Die KALINGA DISCOVERY!
Es ist keine der üblichen Indienreisen, und erst recht keine für Indien-Neulinge. Wie Du aus dem sorgfältig ausgearbeiteten Routenplan ersiehst, beschränken wir uns auch nicht auf Odisha allein. In der Verlängerung hast Du die Möglichkeit, eines der spannendsten und wildesten Naturerlebnisse (die Sunderbans im Gangesdelta) mit Streifzügen durch die Städte Kalkutta und Varanasi zu kombinieren.
Wichtig bei der Planung ist auch hier Deine Mitarbeit. Der Routenplan ist nur eine Anregung. Ihn benutzen wir, um Dir und Deinen Gefährten/innen eine genau auf Eure Interessen zugeschnittene Sonderreise zu organisieren.
Preise auf Anfrage.
(02.02.10: Übersetzt aus der Times of India) Indienfreunde, die sich soeben an "Bengaluru" und "Mysuru" (früher Bangalore, Mysore) gewöhnt haben, müssen nun erneut ihr Vokabular ändern. Der Bundesstaat Orissa heißt jetzt "Odisha" und die dortige Sprache nicht mehr Oriya, sondern "Odia". Und die, die sagen "Das ist doch nur eine Kleinigkeit", sollten an Bollywood-Regisseur und Produzent Karan Johar denken, der für die Benutzung des alten Namens "Bombay" zu einer öffentlichen Entschuldigung gezwungen wurde und seinem Blockbuster "Wake Up Sid" ein entsprechendes Dementi verpassen musste.
In Zeiten, in denen es politisch korrekt ist, keine
unbequemen Fragen zu stellen, ist die Odisha-Nomenklatur schon im Oktober ohne
jede Diskussion vom indischen Kabinett bewilligt worden und inzwischen auch vom
Parlament abgenickt.
Neben der radikalen Shiv Sena, die aus Bombay Mumbai machte
und ähnlichen politischen Zwängen, die Kalkutta zu Kolkata werden ließen, gibt
es eine Fülle von Beispielen regionaler Bestrebungen zu Namensänderungen -
seien es staatliche oder regionalsprachliche Argumente. Das Ausradieren
britischer Phantasienamen zu Gunsten bodenständiger indischer Namen wurde zum
beliebten politischen Zeitvertreib, obwohl es immer noch unklar ist, welchen
Nutzen das haben soll.
Der jüngste Änderungsvorschlag aus Orissa bedurfte
entsprechende Verfassungsänderungen, die das Parlament nun bewilligte.
Die Staatsregierung von Orissa hatte bereits im August 2009
eine Resolution auf den Weg gebracht, den Namen der Provinz in
"Odisha" zu ändern und die Regionalsprache Oriya nun Odia zu nennen.
Als Begrünung wurde angegeben, dass die Namen bisher falsch geschrieben worden
seien. Chief Minister Naveen Patnaik verabschiedete die Resolution auf der
Grundlage einer Volksabstimmung.
Offizielle Stellen bestätigen, dass man unbedingt eine
Namensänderung brauche, weil die jetzige Schreibweise zu einer falschen
Aussprache führe. In der Schriftsprache Hindi (Indiens Amtssprache) würde es
"Udisa" lauten - in Englisch jedoch Orissa.
Major
cities that have been renamed after Independence include Kanpur (formerly
Cawnpore), Thiruvananthapuram (Trivandrum), Mumbai (Bombay), Chennai (Madras),
Kolkata (Calcutta), Pune (Poona) and Kochi (Cochin).
Nach der Unabhängigkeit sind bereits größere Städte wie
Kanpur (formerly Cawnpore), Thiruvananthapuram (Trivandrum), Mumbai (Bombay), Chennai
(Madras), Kolkata (Calcutta), Pune (Poona) und Kochi (Cochin) umgetauft worden.
Während es sich dabei neben sprachlichen Korrekturen vielfach um Rückbenennungen in die früheren indischen Namen handelte, stand in Orissa die Umbenennung in den Namen des früheren Königreiches Kalinga nicht zur Diskussion.
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„Das Auslaufmodell“ Man
hockt sich nieder, hebt die Zehen an - und schon hat man das ideale Wanderklo
fürs Baby! Da wendet sich der Langur-Affe schamhaft ab... |
(Aus den TravelNews – akt. 2-00) Odisha? Dieses Land südlich von Kalkutta ist
immerhin fast halb so groß wie Deutschland. Das Dreieck seiner wichtigsten
Tempelstädte Bhubaneswar, Puri und Konarak zieht weit mehr Pilger aus dem
eigenen Land an als Reisende aus dem Westen.
Sakralbauten zwischen Reisfeldern und Dschungeln erinnern an eine
Vergangenheit, die in Legenden und Tänzen verklärt wird, aber noch kaum
erforscht ist. Palmenstrände, unberührt über viele Kilometer, säumen die
Provinz am Golf von Bengalen. Tropisch fruchtbare Ebenen gehen in dicht
bewaldete Hügel über und schließlich in das graue Hochland von Dekkan, aus dem
die Herrscher von einst ihre Edelsteine holen ließen. Odisha ist das alte
Indien der unzähligen Dörfer, das keine Grenzen zwischen Augenblick und
Ewigkeit zu kennen scheint.
Nur langsam gewinnt dieser ungemein reizvolle Bundesstaat an der
Ostküste auch das Interesse westlicher Reisender.
Eines der Reisemotive: Odisha hat sich in weiten Teilen jene Ursprünglichkeit
bewahren können, die von Individualtouristen wie von behutsam eingestimmten
Gruppenreisenden gleichermaßen geschätzt wird. Die meisten Reisenden haben
jedoch keine Gelegenheit, im Innern Odishas einen der vielen Stämme zu besuchen
- das wollen wir anders angehen.
Nur wenige Eingeweihte wussten von der geplanten Pionierreise durch
Odisha, und selbst eingefleischte Indienfans haben bisher wenig von dieser
touristisch kaum frequentierten Provinz gehört. Erstmals in den TravelNews 8/98
habe ich das Thema den KD-Freunden vorgestellt. Und im Januar 2000 war es
endlich soweit. Die Reise dorthin führte in ein subtropisches Land, dessen
Klima und Vegetation vielleicht an Kerala erinnern. Die Highlights sind zum
einen die Stammesgemeinschaften der Ureinwohner, die nirgendwo anders in Indien
in derart archaischer Form anzutreffen sind. Ich habe herausgefunden, an
welchen Tagen die Stämme ihre Basare
und Märkte abhalten, und wir planten die Reise so, daß wir mindestens 3 oder 4
dieser farbenprächtigen Spektakel besuchen konnten. Das war wegen der
erforderlichen Sondergenehmigungen nicht so einfach, aber jetzt haben wir die
richtigen Kontakte und können auch dort hin, wo Ausländer sonst außen vor
bleiben müssen. Zum anderen hat Odisha eine Vielzahl prächtiger Tempel zu
bieten. Der Sonnentempel von Konarak ist sicher der bekannteste. Wenn Du
Interesse hast, zu einer der ersten Kleingruppen der Odisha-Discovery
"Tribals & Temples" zu gehören, dann gib mir bald Nachricht.
An der OD Tribes & Temples durften nur belastbare „KD-Geprüfte“ aus
den Reihen der "KD-Ehemaligen" teilnehmen: Chandrashekhar Singh aus
Jodhpur und ich führten die Truppe an, Heidi aus Basel, Gertrud aus
Pliezhausen, Christa aus Augsburg, Christine aus Sömmerda, Marion aus
Ravensburg, Marianne aus Betzdorf, Journalist Harald aus Leipzig Fritz aus
Cuxhaven und Stefan aus Kaiserslautern.
Wir hatten keinen starren Reiseplan, sondern eine grobe Linie: Vom Sonnentempel
in Konarak zu den Sümpfen von Bitharkanika, von den Dörfern und
Basaren der Bonda zum Tropenstrand am Golf von Bengalen –
zum Schluss wollten wir in die heiligste Stadt Indiens, nach Varanasi.
Letztendlich aber haben wir uns in 4 Wochen aber wirklich alles angesehen, was
touristisch interessant sein könnte – nur so bin ich heute in der Lage, die
wirklichen Highlights für eine Discovery auszuwählen.
Den ausführlichen Bericht mit vielen tollen Fotos veröffentliche ich in
Kürze.
Zuerst aber findet Ihr die Reports unserer Pionierreise im Odisha-Forum.
Inzwischen haben wir aus der Pionierroute die schönsten Ziele
herausgelöst und zu einem Routenplan zusammengestellt, dem erstmals Sabine,
Margret und Heidi im Februar 2001 gefolgt sind.
Muss ich es betonen?
Selbstverständlich habe ich den Fürsten von Dhenkanal durch unseren noblen
Maharaj aus Jodhpur (Rajasthan) kennen gelernt. Chandra hatte sich schon im
Vorwege unserer Pionierreise um einen Kontakt bemüht. Leider weilte seinerzeit
der Fürst im Ausland, seine Frau brachte das Baby in Delhi zur Welt und das
zeitweilig verwaiste Schloss Dhenkanal (ca. 60 km von Bhubaneswar) konnte uns nicht aufnehmen.
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Nachtrag im November 2001: Seit dem Brief des
Fürsten sind fast 2 Jahre vergangen, und wir sind in seinem Dhenkanal
Palace nun schon mehrfach zu Gast gewesen: Toll! |
Ich möchte Euch natürlich auf
dem laufenden halten über die Projektentwicklung - hier also der ungekürzte Brief
des Yuvraj Amarjyoti Singh Deo Mahindra Bahadur:
Dear Bernd,
At the onset kindly let me clarify that this
will be one of the first opportunities for tourist to live at the Palace
Dhenkanal. The Palace has not been converted into a regular hotel nor has it
been registered as one, it is still our home. I am sorry if I conveyed the
impression that it was a hotel. As you may have seen that Odisha really does
not have many hotels of repute. On an earlier occasion we did have a tie-up
with a gentleman from the UK who sent us couples and families to stay as guests
and not as regular tourists, rather they wanted to stay with Indian families.
After a period of 3 years we discontinued this arrangement as my wife was away
in Delhi and we were blessed with a daughter and missed the season.
I think this clears the picture. We, my wife
and myself would be very happy to be part of your itinerary.
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As regards our family: My grandfather Raja
Sankar Pratap Singh Deo Mahindra Bahadur was the last Sovereign and Ruler of Dhenkanal.
An A Class State in the Province of Odisha. He signed the Instrument of
Accession with Lord Mountbatten of Burma. Dhenkanal was the First state with
which the Province of Odisha merged. He passed away in 1965.
My father Raja Kamakhya Prasad Singh
Deomahindra Bahadur was recognised as the Raja of Dhenkanal in 1965 by the
Government of India and by virtue of being his eldest son my title is Yuvraj of
Dhenkanal. At last in 1972 all titles were abolished by the then Government.
As regards photographs, it will take me some
time to get them to you on the net, but I shall make an earnest endeavour to
send them as soon as possible. Do kindly bear with me till then.
It would be exciting for us to be included in
your itinerary, I would be happy if you could send me a copy and it shall be my
pleasure to have a look at it and may be if required to add a suggestion or
two, which I don't think would be necessary for someone like you who has proper
by undertaking the pioneer tour. It really was my loss. Finally I would rather
appreciate it if I could deal directly with you rather than through Swosti
Travels.
I look forward to our relationships and would
be delighted to have you over as our guest for your valued suggestions and all
necessary help
With regards,
Amarjyoti
Na, hört sich das nicht schon mal gut an? Wer hat Lust, mitzureisen? Denkt dran: Mehr als 6 Teilnehmer nehmen wir nicht mit... Ein Aufenthalt ist bereits im Kalinga-Reiseplan im Kapitel „Routenpläne“ vorgesehen.
Im Nordosten Indiens liegt der Unionsstaat Odisha.
Flächenmäßig knapp halb so groß wie Deutschland, kann der Tourist hier eine
Reise in sehr frühe Zeiten der Menschheitsgeschichte unternehmen. Unser Autor Harald
Schmidt war in der bei ausländischen Touristen noch wenig bekannten Region
unterwegs. (Unser Teammitglied Harald veröffentlichte am 31.3.01 diesen
Bildbericht im Reisemagazin der Leipziger Volkszeitung)
Bootsführer Depah wirft den Diesel seines schmalen, wackeligen Bootes an. Depah verdient seinen Lebensunterhalt mit Fahrten zu den Inseln und Dörfern im Delta der Flüsse Dhanra und Maipura am Golf von Bengalen. Heute Abend fährt er ein paar Europäer, zwei Betreuer, Gepäck und fünf müde Hühner ‑ die bald zu Gunsten der kleinen Reisegesellschaft ihren Kopf verlieren werden ‑ zum Bhitarkanika‑Forst. Das Ist eine naturgeschützte Insel in einem Reptilien‑ und Vogelparadies mit Dschungel, einem 5000‑Seelen-Dorf, einer Lodge mit Komfort für echte Naturfreunde und einer Anlegestelle. Langsam tuckert der Kahn durch die Dunkelheit.
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Odisha – Unser Teammitglied Harald veröffentlichte am 31.3.01 diesen
Bildbericht im Reisemagazin der Leipziger Volkszeitung |
Die frühe Nacht ist tiefschwarz. Licht spenden nur der Mond und die Sterne am klaren Himmel. Keine Siedlung, nicht eine Hütte gibt es. Erkennbar sind an den Ufern schwarze Umrisse von Bäumen und Mangroven‑Sträuchern, die im Delta den Mix aus Süß‑ und Salzwasser mögen. Der Motor quält sich. Nach drei Stunden blinkt endlich ein einsames Licht: Die 100‑Watt-Lampe der Bootsanlegestelle.
Am anderen Morgen warnt im Camp für jeden verständlich ein Krokodil‑Zeichen. „Die Tiere laufen hier manchmal herum. Aber in die Häuser sind sie noch nicht gekommen“, versucht Touristenführer Sampat mit einem breiten Lächeln zu beruhigen. Tatsächlich, nur hundert Meter von der Bootsanlegestelle räkelt sich das erste Kroko des Tages in der Sonne. Später begegnen uns ganze Familien vom Baby bis zum ausgewachsenen Vier‑Meter‑Riesen. Einige gähnen gelangweilt, andere flüchten ins Wasser. Der Bradmai‑Fluss am Golf von Bengalen ist ein Paradies für Reptilien. Fressen gibt es im Überfluß - Fische, Seevögel, Hirsche, Antilopen. Der Appetit auf Touristen hält sich deshalb in Grenzen.
Schon ein paar Stunden holpert der Kummer gewohnte Kleinbus dahin. Die löcherige Bergstraße und die Strahlen der Morgensonne machen müde Ein Aufschrei Sampats durchfährt die Schläfrigkeit: „Schlangen!" Auf der Straße drei Männer, über die Schultern Stangen, an denen flache Korbschachteln baumeln. Die Männer sind vom Familien‑Klan der Kela, die sich auf Schlangen spezialisiert haben. Sie fangen die Tiere, verkaufen sie bzw. deren Gift oder führen mit der legendären Flöte in den Dörfern Kunststückchen vor.
Aus einer der geflochtenen Schachteln holt der 30jährige Babuli Keshab eine drei Meter lange Python, aus einer anderen eine stattliche Kobra. Der Schlangenmann hängt sich die, armstarke, Python um den Hals. Die, Kobra nutzt die Gunst das Augenblicks und versucht auszubüchsen.
Flink greift der erfahrene Dompteur nach ihr, schleudert ihren Kopf in eine leere Schachtel, deckt den Deckel darauf. Die giftige Kobra verkriecht sich instinktiv in ihre Behausung. Souverän lächelt Babuli. Ein Talisman mit Schutzfunktion hängt aber sicherheitshalber an einem bunten Kettchen an seiner braunen Brust.
Im nordwestlichen Hochland von Odisha liegen die Gebiete der Ureinwohner, die trotz aller Bemühungen der indischen Regierung noch wie in frühester Zeit leben (wollen). Immerhin 24 Prozent der Bevölkerung von Odisha sollen zu diesen so genannten Tribals (Stämmen) gehören; zu den Kondh, Bonda, Koya, Ghadaba, Dhuruba, Aang oder anderen. Einige jagen noch mit Pfeil und Bogen. Andere kennen kaum Privateigentum. Doch bei allem Stolz, spurlos geht die Moderne an diesen archaischen Stämmen nicht vorbei. Vergangenheit und Moderne begegnen sich auf den Märkten im Tal.
Sieben Uhr morgens. Zum Wochenmarkt nahe der Bahnstation Tumidibandh kommen die Kondh aus den Bergen; die Frauen mit Körben voller exotischer Früchte auf ihrem mit Haarklemmen geschmückten Kopf. Das kräftige, krause Haar ist auch Aufbewahrungsort für ein oder zwei leicht gebogene Messerchen, die für die verschiedensten Zwecke verwendet werden.
Die Bergstämme bringen Bananen, Ananas. Mango. Papaya. Tabak, Heil‑ und Gewürzkräuter auf den Markt. Kaufen wollen sie Hühner, Ziegen oder eine der vielen Errungenschaften der Zivilisation ‑ Plastik-Armreifen, Werkzeuge, Tücher. Ein junger Kondh hat es bei einem indischen Textilhändler schwer. Die Shorts, die er gern hätte, sind einfach zu teuer, und der Verkäufer läßt sich nicht erweichen.
Eine Tagesreise weiter lebt der Bonda‑Stamm mit etwa 5000 Angehörigen in mehreren Dörfern in 1000 Metern Höhe. Im Marktflecken Onukudelli begegnen sich donnerstags Bondas und Inder. In kleinen Gruppen kommen die Bonda‑Frauen in ihrem Sonntagsstaat barfuß den steinigen Weg herunter. Ihre nackten Oberkörper werden von etlichen gelben, orangen und roten Ketten bedeckt. Unter dem „Kettenhemd" tragen sie einen gestreiften etwa 20 Zentimeter breiten Lendenschurz wie einen Super-Mini. Der kahlgeschorene Kopf wird von einer Kappe aus Stoff und Ketten geschmückt. Darauf transportiert die Bonda‑Frau ihren Einkaufskorb aus Palmenblättern oder Bambus. Vereinzelt folgen zwischen den kleinen Frauengruppen ‑ ebenfalls barfuß und mit einem kurzen Lendenschurz bekleidet ‑die Männer. Ein Stoffumhang schützt den Oberkörper vor der morgendlichen Kühle. Einige kommen mit Pfeil und Bogen. Andere haben Hacke, Beil oder Schaufel geschultert. Manch einer war wohl schon auf seiner Palme, die ihm den beliebten Palmwein und damit einen glasigen Blick gibt.
Unter einem großen schattigen Baum trifft man einige der Männer wieder. Sie sitzen mit ihren Kürbisflaschen und bieten den Marktbesuchern ihren Palmwein an. Manch einer ist in dieser offenen Schenke selbst sein bester Gast.
Szenenwechsel: Der riesige Vorplatz am berühmten Jaganath-Tempel in Puri ist voll mit Menschen. Das Heiligtum, das jedes Jahr Tausende Pilger – die wichtigsten Touristen Odishas ‑ anzieht, macht Puri zu den vier für Hindus bedeutendsten heiligen Städten Indiens, Kühe lassen ihre Fladen fallen oder liegen faul im Staub. Eine Mutter gibt in der Menge ihrem Baby die Brust. Neben dem Eingangstor sitzt ein kleines Mädchen und wechselt Rupien gegen viele kleine Paisa‑Münzen (der Pfennig Indiens) zum Spenden. Im hoch ummauerten, großen Tempelkomplex leben mehr als 5000 Priester und Angestellte, zum Beispiel noch Köche, die in einer Großküche pro Tag 10 000 Pilger kostenlos versorgen. Von einer Terrasse im dritten Stock gegenüber kann der Nicht-Hindu. dem der Eintritt zum Tempel verwehrt wird, gegen einen kleinen Obolus einen Blick von oben in die heilige Stätte werfen.
In zahlreichen Dörfern gibt es kleine Webereien, die prachtvolle Brokate oder dezente Stoffe für unterschiedlichste Zwecke (z.B. auch für Tisch‑ und Bettdecken) aus Seide. Wolle oder Baumwolle herstellen. Vor allem in Bhubaneswar, Konarka und Puri gibt es Schmuck aus hauchdünnen „verwebten" Silberdrähten. Eine lange Tradition haben die Miniaturmalereien auf Palmenblättern. Preiswert ist auch Kleinkunst aus geschnitztem Stein. In leuchtenden Farben werden nur in der Kleinstadt Pipli nahe Puri Stoffapplikationen hergestellt und zu Taschen, Schirmen, Lampen, Kissen oder Decken verarbeitet.
Tausende
Tempel stehen in allen Teilen von Odisha. 500 allein in der Hauptstadt Bhubaneswar,
darunter die schönsten Indiens. Der größte Schatz allerdings ist zweifellos der
Sonnentempel in Konark. Erbaut wurde er im 13. Jahrhundert zu Ehren des
Sonnengottes Surya. Die Konstruktion basiert auf der damaligen Vorstellung,
daß die Sonne auf einem großen Wagen mit 12 riesigen Rädern über den Himmel
reise. Diese Sonnenräder haben je 16 Speichen, die den Tag in 90 Minuten
einteilen Die Außenwände des Tempels zieren Pflanzen, Tiere, mystische Wesen,
Tänzer und die berühmten Paare in verschiedenen Posen der Liebeskunst.
Der spannende Reisebericht, den
Christa in GEO fand, ist 10 Jahre alt. Wir waren im Februar 2000 dort und können
bestätigen: Es hat sich nichts geändert. Die
"Sozialisierungsbemühungen" der indischen Regierung haben wenig
Erfolg, die zivilisationsverachtende Haltung der Stämme ist besonders bei den
Bonda ungebrochen. Wirkliche Veränderungen könnten sich allerdings schnell
ergeben, wenn die Bemühungen des Dept. of Tourism greifen, die mit Energie die
Infrastruktur Odishas für die Ansprüche gut zahlender Ausländer ausbaut.
Seht zu, daß Ihr diese Region
erlebt, bevor ihre Ursprünglichkeit wie anderorts durch synthetische
Kulturvermarktung ersetzt wird.
Lest, was der indienerfahrene
Ethnologe Arnt Magnus 1990 mit seiner Frau June in Odisha erlebte - für die
Fotos dazu danke ich unserem Teamteilnehmer Harald:
(GEO 4-90) Für einen Moment paaren sich Selbstvorwurf -
warum sind wir hier? - und Schrecken. Die Spitze eines mit Pfauenfedern
verzierten Pfeils zielt auf die Herzgegend meiner Frau. June erstarrt, einen
ungelösten Schrei auf dem Gesicht, wie zur Salzsäule. Der Schütze ist ein
beträchtlich wankender Kerl, um die Hüften ein Lendenschurz und am Oberkörper
ein blendend rotes Hemd, das auf dem eine Tagesreise entfernten Wochenmarkt gut
ein Säckchen Bohnen wert ist.
Zehn weitere bogenbewehrte
Jäger - oder Krieger? - sind mit dem vom Palmwein trüb dreinblickenden Schützen
an die Aussparung im Palisadenzaun gekommen, die den Eingang zum Dorf der
martialisch ausstaffierten Männer markiere. Alle mit den Schatten der
Übernächtigung unter den Augen und alle betrunken, obwohl der Tag noch jung
ist.
Der Pfeil verläßt die Sehne
nicht. Ich atme auf, June entspannt sich. Es ist nicht unser erstes
Zusammentreffen mit Männern vom Stamm der Bonda, einer Volksgruppe im indischen
Unionsstaat Odisha. Sie sind uns bereits auf den Wochenmärkten entlang der
Landstraße aufgefallen. Dort waren sie jedoch - gemäß Polizeiorder unbewaffnet
- mehr mit dem Kauf von Rindern beschäftigt als mit der Verbreitung von
Schrecken.
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Wir
trafen viele Bonda auf dem Wochenbasar in Onukudelli. |
Im äußeren Habitus unterschieden
sich jene Bonda kaum von den Männern anderer Stämme in diesem nordostindischen
Landstrich. Um so mehr hatten uns ihre Frauen fasziniert: mit am Hals
aufgetürmten, matt silbern glänzenden Ringen, die Blöße des kahlgeschorenen
Kopfs mit Glasperlenschnüren und Bastringen raffiniert verdeckt; am Oberkörper
nackt und zugleich reich bekleidet mit schweren, bis zu den Hüften reichenden
Glasperlenngehängen. Als Abschluß ein zwei Hand breites Lendentuch, das, salopp
mit einem Bindfaden auf Hüfthöhe gehalten, den wippenden Gang betont. Nur in
der Stammesfremde ist Kleidung erlaubt.
Ich träumte damals. davon,
diese Frauen in ihrem alltäglichen Milieu aufzuspüren. Ich malte mir aus, in
einem ihrer Dörfer zu sitzen - mit weitreichendem Blick auf die blauen Hügel,
die nebelbedeckten Täler; Wolken würden aufsteigen, vielleicht Regen bringen
und die spröde Luft entspannen; die von Brandrodung kahlgeschlagenen Hügel
würden mich so wenig stören wie die rasierten Köpfe der Bonda-Mädchen.
Ich würde die Rizinusbäume
am Dorfrand zählen und aus einem gerollten, grünen Tabakblatt den streng
bitteren Rauch einatmen, der würzig auf den allmorgendlichen Beratungen der
Männer liegt. Ab und zu würde das Klirren der Reifen am Hals einer Frau die
Stille mit einer leisen Melodie erfüllen.
Unglaublich erschienen uns
die behördlichen Hinweise, die Bonda würden stehlen, rauben und morden. Und
doch - schon am ersten Tag unseres Trecks zu den Stämmen des Hochlands, das über
der Ebene von Malkangiri und dem Machkund-Fluß bis zu 1000 Meter Höhe
aufsteigt, werden wir vor den Bonda gewarnt. In Muduliguda, am Fuß der
Bonda-Hügel, verbringen wir die Nacht in der Dorfschule. Der Lehrer, etwa 30
und an den Schläfen leicht ergraut, lamentiert wie ein unschuldig Deportierter,
er harre in dieser Dorfschule nunmehr seit zehn Jahren aus, obwohl er aus der
Stadt sei.
Die Schüler sind Didayi:
stark von der Hindu-Kultur assimilierte Angehörige eines Stammes, der zur
austroasiatischen Sprachgruppe gehört. Rund 2000 Mitglieder hat der Stamm noch,
doch in diesen hier, den Didayi von Muduliguda, erkennt nur noch der
Eingeweihte die Mitglieder eines Stammesvolks. Die Frauen tragen bereits den
bei den Hindus üblichen Sari, und die Faszination der schimmernden
hinduistischen Götterwelt hat die althergebrachten Heiligen längst auf die
Hinterbänke verwiesen.
"Wir hatten hier in
letzter Zeit mehrmals mit Naxaliten zu tun", erzählt unser Gastgeber.
"Das sind von Kommunisten aufgehetzte Stammesleute. Sie wehren sich gegen
Landnahme und Fortschritt in ihren Gebieten und führen notgedrungen das Leben
von Räubern. Ihre Besuche gehen selten unblutig ab. Der letzte Überfall fand
vor ein paar Wochen statt. Seither muß mein Boy die Nacht über ein Feuer am Glühen
halten."
Hemant, der Boy, ist 22
Jahre alt und von drahtiger Behendigkeit. Seine mit Kokosöl eingefetteten Haare
verströmen ein zart ranziges Aroma. Er stammt aus einem Weiler nahe dem Gebiet
der Bonda.
Sein älterer Bruder hatte
nach der Hochzeit sofort sein Erbteil verlangt. An Landverteilung war aber kaum
zu denken, denn der Vater hatte nur einen Flecken zur Beackerung, der
bestenfalls reichte, das Verhungern aufzuschieben. Hemants Bruder preßte dem
Alten von dessen zwei Weinpalmen jene in der Nähe des Dorfes ab. Damit war das
Fundament für eine Familientragödie gelegt, deren Verlauf für alle Stämme hier,
besonders aber für die Bonda, typisch ist. Als der Vater einmal an der ihm
verbliebenen Palme keinen Wein vorfand, zapfte er kurzerhand am Neubesitz des
älteren Sohnes. Der ließ dem Vater keine Zeit zur Rechtfertigung, sondern
erschlug ihn kurzerhand mit der Axt.
"Seitdem ist Hemant
bei mir", sagt der Lehrer, und: "Morgen ist Wochenmarkt hier in der
Nähe. Auf dem Weg dorthin kommen die Bonda durch unser Dorf. Das ist noch nicht
so schlimm. Wenn sie aber auf dem Rückweg sind, verstauen wir alles in die
Häuser und verrammeln die Türen. Die Bonda sind dann voll mit
Blütenschnaps."
Glatte Übertreibung? Der
nächste Tag löst die Beschreibung minuziös ein.
Auf ihrem Marsch zum Markt
fallen, als erste, die Bonda-Frauen in die Höfe ein. Sie klappen hastig ihre
Körbe auf, lassen sich gurrend und keifend auf ein kurzes Palaver um den Preis
ein, decken, wenn die Kundschaft zu lange zaudert, den Korb wieder zu und schreiten
mit aufreizend wippendem Gesäß von dannen.
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... grüne, dickhäutige Bananen an rhythmisch federnden Stangen... |
Weitaus gemächlicher
folgen die Männer. Zweifellos sind sie, mit wenigen Ausnahmen, vorher noch bei ihrer
Palme eingekehrt. Einige führen sogar den kostbaren Palmsaft in Kürbisflaschen
mit sich, die an Bambusstangen baumeln. Andere transportieren an den rhythmisch
federnden Stangen Stauden grüner, dickhäutiger Bananen sowie bienennestgroße
Jackfruits und Körbe mit. papierdünnen, tellerförmigen Bohnen. Für den
berauschenden Schluck aus dem Bambusrohr steigt der Bonda-Mann täglich auf
seine Palme. Kalebassen mit Palmwein gehören nebst Kochbananen zum Gepäck der
Jäger. Pfeil und Bogen sind stets zur Hand - zur Pflege ihres martialischen
Image. Über den sandigen Boden bewegen sich Schatten, als seien Speere zu einem
Fächer geschlagen - bizarr vergrößerte Hände, die einen Satz Pfeile tragen.
Mehrere Trupps
jugendlicher Stenze aus dem Hochland, im flimmernden Habitus des Brautwerbers,
bilden die Nachhut. Moderne Kurzhaarfrisuren, die von Topstylisten in Paris
oder München hätten stammen können, zieren ihre Köpfe. Kunstvoll ziselierte
Ohrgehänge, Messinghalsketten und Aluminiumarmreifen runden die Komposition ab,
und ich begreife, was den Bonda bei seinen nächtlichen Besuchen in den
Jungmädchenhäusern so unwiderstehlich macht.
Die Wochenmärkte am Rande
der Bonda-Hügel lesen sich wie ein prachtvoller Bildband über die Stämme des
Distrikts. Bonda, Gadhaba, Didayi und Parenga im Sonntagsstaat. Die Frauen mit
pechschwarzem, enganliegendem Haar, akkurat gescheitelt. Zähne schimmern, wenn
sich die Lippen zum unverhohlenen Lächeln heben. Darüber neugierige, erregte
Augen unter langen Wimpern. Die Gesichter umrahmt von Blüten. Und die Körper:
ölglänzende, glatte, verwitterte, tiefbraune, erdfarbene. Unter Flechtkörben
ragen knochig Zehen und Finger geduldig wartender Händlerinnen hervor -
geduldig wie ihre Götter, denen man eine heute nicht mehr verfügbare
Opferspeise auch morgen noch nachreichen kann.
An den Rändern zerfasert
der Markt, gibt seine strenge Rasterung in Gassen und Gänge auf, öffnet sich zu
geräumigen. beschatteten Plätzen. Dies ist die Zone der Rinderhändler und
Barbiere, die Domäne der Männer, der Bonda-Männer. Im Schatten der Mangobäume
sitzen sie: vor sich Tonkrüge mit Schaumkronen und entkorkte Kalebassen.
Darüber lagert Gelächter. Ein untrügliches Zeichen, daß es sich bei der
kühlbeschatteten Stätte um eine Schenke handelt. Die Auswahl an Getränken: Palmwein,
Blütenschnaps, Hirsebier.
Die Polizei löst den
Betrieb gegen Mittag vorzeitig auf. Vorsorglich hatte sie bereits die Jäger
gezwungen, Pfeil und Bogen in ausreichender Entfernung vom Markt abzulegen.
Ein Kenner der Szene
kommentiert das Verhalten der Bonda so: "Mut, Freiheit, Gleichheit,
Unabhängigkeit, Fleiß und Freundlichkeit bilden die Komponenten ihres
Charakters. Aber auch die Kehrseite dieser Eigenschaften liegt auf der Hand.
Mut wird zu Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leben. Freiheit und Unabhängigkeit
degenerieren zu ungehobelter Aggressivität. Die Bonda sind Menschen von
deutlicher Individualität, sie sind positiv, explosiv und gefährlich. Ich bin
nie Menschen von ähnlich schneller Entflammbarkeit begegnet."
Diese Charakterisierung
von Verrier Elwin aus seinem Buch "Bonda Highlander" (London, 1950),
einer maßgeblichen anthropologischen Untersuchung über die Bonda, schießt mir
durch den Kopf. Viele seiner Angaben darin sind von unverminderter Aktualität.
Sie helfen auch uns, irritierende Situationen wie diese gelassener
einzuschätzen. Gemäß EIwin etwa: "Es gibt kaum einen größeren Fehler, als
diese Menschen nach den Reaktionen auf einen selbst zu beurteilen."
Ich habe das Gefühl, den
Bonda-Männern eine Geste der Bewunderung schuldig zu sein, und wende mein
Interesse einem Bündel Pfeile zu. Sie liegen auf einem platten, tischartigen
Stein. Vorsichtig rolle ich das mit Pfauenfedern geschmückte Pfeilende, das
einen nahezu abweichungsfreien Flug ermöglicht, zwischen den Fingerspitzen,
lasse - bewundernd durch die Zähne pfeifend - einen Finger über die Spitze
gleiten.
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In Baligam ist der wöchentliche Basar am Sonnabend - ein farbenprächtiges Spektakel |
Abrupt zerrt mir der Anführer,
jener im roten Hemd, den Pfeil aus der Hand. Er spannt ihn in den Bogen und
schießt ihn über unsere Köpfe hinweg in den Dschungel. 30 Meter gerade Flugbahn
- dann schluckt das Dickicht das Geschoß. Die Bonda sind die besten Schützen
der indischen Stammeslandschaft. Was nun kommt, paßt freilich nicht ins Bild:
eine Forderung nach Entschädigung. Da ich mit meinem prüfenden Blick die
Vorführung geradezu herausgefordert hätte, müßte ich nunmehr den Pfeil
ersetzen.
Ein kurzes Geraune
zwischen den Jägern setzt den Schadensbetrag auf fünf Rupien, etwa 25 Pfennig,
fest. Der Anführer nimmt den Betrag entgegen - und uns mithin offiziell zur
Kenntnis. Ohne Umschweife werden wir gebeten, ins Bonda-Dorf zu kommen, ins
Innere des Palisadenzauns. Wir dürfen sogar am Sindibor Platz nehmen, der
Beratungsstelle. Sie ist das Allerheiligste der Männer: ein Kreis aus flachen
Steinen, überschattet von einem Mangobaum.
Ich wechsle einen
fragenden Blick mit June, hoffe, daß sich der Ekel nicht gleich auf ihrem
Gesicht abzeichnet: Ein beißend süßlicher Geruch dringt aus dem Geäst
hernieder, fließt wie fauler Atem den Stamm herab. Droben verwest eine
Antilope, an Baststricken in die Aste gehängt, eingerahmt von zwei
Rundtrommeln: Gabe für die Götter im Monat der "Rituellen Jagd".
Den April den Mächten des
Dschungels zu weihen und diese mit dem Wild des Waldes zu beköstigen ist eine
von vielen kalendarischen Übereinstimmungen, welche die Stämme im weiteren
Verbreitungsgebiet um die Bonda-Hügel verbinden. Für einen Monat ist in den
Wäldern das Echo der Büffelhörner zu hören. Männer durchkämmen in Gruppen den
Dschungel, der die Hügel nur noch fleckenweise bedeckt. Seit Jahrhunderten
praktizierter Brandrodungsfeldbau und, seit der Ankunft der Briten auf dem
Subkontinent, industrielle Nutzung des Waldes haben den Bestand erschreckend
dezimiert. Die steigende Geburtenrate zwingt die Stämme, den Rhythmus des
Feldbaus auf den Brandrodungsparzellen zu beschleunigen.
Noch vor wenigen
Jahrzehnten ließ man den Acker nach vierjähriger Bearbeitung für etwa zehn
Jahre ruhen. Mittlerweile hat sich die Pause auf drei bis vier Jahre
verringert, obwohl sich in der kurzen Zeit nur dürftiges Busch- und
Rankengewächs entwickeln kann. Die Folge sind Bodenerosion und wachsendes
Ödland. Der zunehmende Bevölkerungsdruck aus der Ebene hinein in die
Hügelgebiete Odishas engt die traditionelle Landwirtschaft der Stammesvölker
zusätzlich ein. Als hätten diese kein Recht auf Grund und Boden, schreiben die
Behörden die wilde Landnahme der Flachlandbewohner, die als höher zivilisiert
gelten, einfach gesetzlich fest.
Anfang des Jahrhunderts
belebten Antilopen, Hyänen, Leoparden und Pfauen den Wald. Mit dessen Schwund
hat sich auch das Wild - ein Bonda ißt fast alles - zurückgezogen, und die
Jagdtrupps kehren oft ohne Beute in die Dörfer zurück. Die Bonda sind heute
schon glücklich, wenn sie im Monat der Rituellen Jagd wenigstens das
traditionelle Opfer für die Götter erlegen können.
Einer der jungen Männer
klettert nun auf den Baum, reicht die beiden Trommeln herab und strafft, wieder
unten, die Trommelbespannung über einem Feuer. Plötzlich tauchen auf dem
offenen Platz neben dem Sindibor drei Frauen auf. Sie haben nichts mehr von
ihrem betörenden Charme an sich. Keine Kettengehänge und keine Webröckchen, das
streng tabuisierte Textil der Bonda-Frauen. Den Körper unbeholfen in
bonbonfarbene Saris gehüllt, unterscheidet sie nur noch der kahlgeschorene Kopf
von den Hindufrauen des Flachlands.
Die Protagonisten des
neuen Stils sind entweder die Priester oder die Händler. In Indien wirken sie
meistens zusammen. Die Priester erhoffen sich mit der Einführung neuer, dem
Hochhinduismus angeglichener Kulte für ihre Kaste Prestigegewinn. Die Anpassung
lokaler Sitten und Gebräuche an den hierarchischen Hinduismus ist auf dem ganzen
Subkontinent zu beobachten. Dorfhelden, Ahnen und Baumgeister werden mit den
Heroen und Göttern der hinduistischen Mythen identifiziert. Ein Hirtengott
wandelt sich plötzlich zum landauf, landab verehrten Großgott Shiva, nur weil
er, wie jener, von einem Stier begleitet wird.
Die mithin an Ruhm und
Macht gewachsenen Götter fordern die Einhaltung der Gebote, die für die streng
hierarchisierte, nach Kasten geordnete Hindu-Gesellschaft entworfen wurden.
Ehemals egalitäre Gemeinschaften bilden auf einmal ebenfalls Kasten aus. Feste
und Feiern, vormals Ausdruck reiner Lebensfreude und Vitalität, werden zur
Verpflichtung, zur finanziellen Bürde, weil ein komplizierter Apparat von Riten
und Opfern in Gang gebracht werden muß.
Und geradeso, als handle
es sich um ein Naturgesetz, führt sich der neue Kulturstil mit lautstarkem
Protest gegen den traditionellen Sex ein. Denn die Prüderie missionierender
Hindupriester steht jener der puritanischen Missionare in nichts nach. Also
beginnt die Aufnahme in die neue, alles seligmachende Religion mit der
Bedeckung der bis dahin unbedenklich getragenen Blöße.
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Bondafrauen - Kettenhemden von 15kg aus gelben und roten Glasperlen |
Bonda-Frauen, denen der
Fluch einer von ihnen beim Bad überraschten Göttin Nacktheit als Kultur
verordnet hat, ab morgen nur noch im Sari?
Kaum vorstellbar. Bei den
Leuten von Odisha werden die Eiferer reichlich zu tun kriegen. Denn die meisten
Stämme im südlichen Landesteil haben Jugendhäuser (Gothuls). Jungen und Mädchen
sind hier oft bis in die späte Nacht hinein locker beisammen. Sie singen,
tanzen und sammeln erste sexuelle Erfahrungen, bei denen ein körperbedeckender,
enggeschlungener Sari höchst hinderlich wäre. Freilich: Bei den benachbarten
Stämmen der Bonda haben die Kulthäuser der frühen Lust bereits ihre Funktion
eingebüßt. Dort bestimmen und verheiraten, wie bei den Hindus üblich, jetzt die
Eltern die Partner.
Die Agenten, die diesen
Umbruch bei den Stämmen heute bewältigen, sind nicht mehr nur die Priester. Es
sind vielmehr die Entwicklungsexperten der Regierung, welche die Parolen von
Modernisierung, vom "Exodus aus der Primitivität", um wirtschaftliche
Zwischentöne bereichern: vor allem mit dem Lockruf des Geldes. Sie haben von
den Doms gelernt, den Zwischenhändlern zu Zeiten der Kolonialherrschaft:
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Auch für die unzähligen Babies der Gadhaba ist die „Milchbar“ stets geöffnet |
Der Dom spielte einen
wichtigen Part bei der staatlich gewünschten "Zivilisierung" der
Stämme. Die von den Briten eingeführten Bodensteuern, Alkohollizenzen und
Geldabgaben begünstigten das Hauptgeschäft der Doms - als Geldverleiher in den
Hügeln. Mit Verschuldungstaktiken gelang es ihnen sehr schnell, sich auf dem
Stammesgebiet auszubreiten und Land aufzukaufen. Dabei führten sie einen
Wohlstand und Lebensstil vor, der die "Eingeborenen" für alle
Industriewaren auf den Wochenmärkten anfällig machte.
Trotz der langjährigen
Vorarbeit an Zerstörung von traditioneller Kultur hat die politische Elite Indiens
offenbar die Hoffnung aufgegeben, daß die Stämme am Ende von allein
auseinanderfallen. Die Politiker entdecken nun in dem von ihnen verwalteten
Land der Dritten Welt eine Vierte Welt und setzen eine Politik der
"Rehabilitation" in Gang. Sie wird dem indischen Stammesgürtel am
Fuße des Himalaya einen furchtbaren Zivilisationseinbruch bescheren.
Traditionelle Wertsysteme kollabieren; gewohnte Hierarchien weichen neuen
Obrigkeiten. Modernität wird gleichgesetzt mit der Aufgabe der dem Klima
angepaßten Lehmhäuser. Ersatz sind elende Betonhütten - dunkel, stickig und
bestenfalls ein Schutz gegen die peitschenden Güsse des Monsuns.
Der Elite des Landes geht
die Rückständigkeit der Stammesvölker noch aus einem anderen Grund an den Nerv:
Sie sehen das politisch ehrgeizige, das aufstrebende Indien mit seinen
Satelliten, Atommeilern und Düsenjägern diffamiert.
In unserem Bonda-Dorf
haben unterdessen die drei Sari-Frauen - vielleicht zu unserer Begrüßung? - zu
singen begonnen. Das Lied macht nur entfernt einen Reim auf unsere Ankunft. Es
ist irgendwann, zu einer Zeit, die so ungewiß ist wie alles Geschichtliche bei
den Bonda, zur Begrüßung der von der Jagd heimkehrenden Jäger ersonnen worden.
Es beschreibt das Sammeln der Männer zur Treibjagd, das Locken der Beute und,
mit dem gellenden Posaunenruf des Büffelhorns, die Warnung vor fremden
Eindringlingen in den Dschungel. Es erzählt vom Schmerz und dem Schrecken der
Frau, wenn sich ein Pfeil in den Körper ihres Mannes anstatt in den Leib der
Beute gebohrt hat. Es vibriert von der Vorfreude auf das gemeinsame Mahl, ahmt
mit schnalzenden Lauten das Hämmern nach, wenn das Fleisch des Wildbrets mit
Steinen weichgetrommelt wird:
Wie durch einen
Schwerthieb bricht der Gesang ab, gefrieren die Bewegungen. Die Frauen ziehen
sich, mit einem kleinen Schrei wie aufgescheuchte Vögel, langsam zurück. Wir
folgen den Blicken der Männer, die eine Gestalt am Palisadenzaun erfassen, in
Shorts und grau-blau gestreiftem Pullover.
"Unser Führer, der
Naiko", flüstert mein Nachbar.
Wild mit den Armen
fuchtelnd, kreisende, dann den Himmel bedrohende Bewegungen ausführend, nähert
sich der Naiko - gerecktes Gesicht, sturer Blick, keilförmiger Kopf, gebogene
Nase - mit zischendem Geschrei. Es handelt sich bei der Tirade um das gesamte
Sortiment der den Bonda geläufigen Flüche. Etwa: Sie alle seien fähig, ihre
Mütter zu vergewaltigen. Sie sollen zur Strafe ihren eigenen Kot
verschlingen......
Dem Naiko paßt es
offensichtlich keineswegs, bei der Entscheidung über unsere Anwesenheit im Dorf
übergangen worden zu sein. Kaum ist seine Wortgewalt erschöpft, macht sich
wieder Gelassenheit unter den Dörflern breit - und Spott über das komische
Gehabe des Alten.
Die strikte Ablehnung von
Autorität und eine umfassende egalitäre Haltung unterscheiden die Bonda von
allen umliegenden Stämmen. Es gibt auch keine Besitzhierarchie. Alle Häuser
sind gleich. Und die Naiko verkörpern höchstens Koordinationsmacht, moderieren
etwa die morgendlichen Beratungen am Sindibor. Bestenfalls kann der Naiko
Respekt erwarten, Befehlsgewalt kommt ihm nicht zu. Daher ist seine Nachfolge
schwierig. Kaum ein Mann will sich zu einem Führer wählen lassen, der nicht
führen darf.
Ein paar Tage später
erleben wir eine Neuauflage des Themas: das vorsichtige Lavieren eines
Bonda-Chefs mit seiner prekären Macht. Am frühen Nachmittag überfällt den Naiko
unbeherrschbarer Durst. Wir sollen ihn zu seiner Palme begleiten. Zwei
bewaffnete Männer vervollständigen die Gefolgschaft. Als der Naiko feststellen
muß, daß seine Palme nicht genügend Saft für ein Gelage hergibt, beschließt er,
die etwa zehn Minuten entfernte Palme seines Nachbarn anzuzapfen.
Der eine Begleiter
klettert an einer Bambusleiter die Palme hinauf und findet im Gewirr der tief
herabhängenden Palmwedel Wein für zwei Krüge. Er wird in Kalebassen umgefüllt
und mit dem Tempo eines verdurstenden Elefanten getrunken. Beim Weggehen
hinterläßt der Naiko seinen eigenen Trinkbecher auf der Astgabel.
"So weiß Dondri, daß
ich es war, und wir können das irgendwann einmal ausgleichen", sagt er.
"Hinterlasse ich hier keine eindeutige Spur und er findet heraus, wer es
gewesen ist, wird er versuchen, mich umzubringen, oder zumindest eines meiner
Schweine töten."
Der Palmwein, der
fermentierte Saft der Caryota urens, ist eine wichtige Säule im Wertsystem der
Bonda. Das Leben der Männer spielt sich zwischen Weinpalme und gelegentlichen
Jagdausflügen ab.
Die Arbeit im Haushalt und auf dem Feld überläßt der
Bonda-Mann den Frauen. Die Rechte an den Palmen regelt eine gnadenlose
Besitz-Ideologie. Verstöße werden in der Regel mit Mord und Totschlag geahndet.
Noch in den vierziger Jahren standen die Bonda im Ruf, Indiens Stamm mit der
höchsten Mordrate zu sein. Außer an Palmwein erquicken sich die Bonda mit
verschiedenen bierartigen Gebräuen und mit Blütenschnäpsen, die in primitiven
Destillierkolben gebrannt werden.
Mit ihrer Leidenschaft für
Palmwein, Bier und Schnaps stehen die Bonda indes in der indischen
Stammeslandschaft keineswegs allein da. Reichlicher Alkoholgenuß ist üblich bei
den Stämmen des Subkontinents, hat jedoch allein bei den Bonda einen
Sozialcharakter ausgeprägt, der sie bei Nachbarn und Behörden als rüde und
unberechenbare Zeitgenossen erscheinen läßt.
Die Zerstörung der
Lebensgrundlage und der Sozialordnung der Stämme begann bereits im 19. Jahrhundert
unter der britischen Kolonialregierung. Dies ging so weiter, als Indien
unabhängig wurde. Die indische Regierung ließ einzig im Osten eine Sonderzone
für die Landwirtschaft von Stammesangehörigen offen. Sieht man von den Stämmen
entlang der birmanischen Grenze ab, sind auf dem Subkontinent relativ
unbeeinflußt von der Hindukultur des Flachlandes nur noch die Bonda -
autoritätsverachtend, souverän, selbstbewußt.
Woher beziehen sie diese
Resistenz? Streit als Lebenselixier? Die Attitüde des Wilden Mannes als Pose,
die Freiräume schafft? Entschiedene Abwehr von interner Autorität, damit sich
erst gar nicht die Idee von Macht und Hierarchie von außen etablieren kann? Den
Thron jedenfalls kennen die Bonda einzig als Steinsitz für ihre Götter.
Unsere Tage bei den Bonda
lassen so etwas wie Vertrautheit aufkommen. Anbiederei, Betteln nach Messern,
Flaschen oder Zigaretten wird nie daraus. Wenn ein Bonda sein Auge auf etwas
gerichtet hat, dann fordert er. Der Angesprochene hat indes die Möglichkeit,
die Forderung abzuwehren. Unberechenbarkeit freilich ist, selbst nach längerer
Bekanntschaft. kennzeichnend für die Bonda. Jeden Moment kann ein Orkan an
Entrüstung losbrechen, bei dem sich dann wieder ein Pfeil auf June oder mich
richtet.
Spannung scheint für die
Bonda so wichtig zu sein wie der Lebenshauch. Zusammenleben ist spannend, Jagen
ist spannend, Lieben ist spannend. Bonda wählen ihre Ehepartner selber, und die
Liebesheiraten müssen stets ausbalanciert werden, denn die Frau ist in der
Regel bedeutend älter als der Mann. Im Konfliktfall gibt die Bonda-Kultur den
Kontrahenten ein Instrumentarium an die Hand, mit dem die Krise unter Wahrung
des Gesichts beider Kampfhähne beigelegt werden kann. Versagen diese Programme,
dann bricht die Hölle los.
Lange werden die Mächtigen
im Lande das letzte tribale Inferno Indiens wohl nicht mehr hinnehmen. Nur noch
die indische Filmindustrie mit ihrem Hundertmillionenpublikum bedient sich gern
des Klischees vom "edlen Wilden".
Nachtrag: Inzwischen ist
eine große Anzahl Bonda an einer rätselhaften Epidemie erkrankt. Delhi
entsandte ein Ärzteteam ins Hügelgebiet von Odisha. Dieses machte die
mangelhafte Wasserversorgung, die Entnahme von Trinkwasser aus schlammigen
Erdlöchern, für die Krankheit verantwortlich und empfahl, Brunnen für die Bonda
zu bohren. Die Reaktion der Regierung: Für eine Bevölkerung von nur noch 5000
Menschen stünden die beträchtlichen Kosten für ein solches Projekt in keinem
Verhältnis...
Arnt Magnus, 48, hat in Indien Ethnologie studiert und bereist den Subkontinent seit vielen Jahren. Dort lernte der Anglo-Deutsche seine Frau June kennen. eine Linguistin, mit deren Hilfe Magnus auch Reportagen für den Hörfunk erarbeitet.
(KD) Als Europäer nach Indien reisen, die „deftigen“ Skulpturen an immerhin heiligen Gotteshäusern zu sehen und gleichzeitig eine Gesellschaft vorzufinden, die in viktorianisch-wilhelminischer Prüderie verhaftet scheint – das muß besonders uns unvereinbar erscheinen und zu Fehlschlüssen führen. Das sieht man in der Literatur des Westens, wenn namhafte Indologen wie Dr. Robert Strasser angesichts der freizügigen Darstellungen an indischen Tempeln den verwegenen Schluß ziehen. „...die Inder müssen damals ein sehr sinnenfrohes Leben geführt haben...“
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Da sich aber die Schreiberlinge in ihrer Sichtweise ständig widersprechen – und ich schließe mich da ein und widerspreche eifrig – ist man geneigt, nur die Veröffentlichungen gutzuheißen, mit denen man sich und seine persönlichen Eindrücke am besten befreunden kann. So sind meine unmaßgeblichen Betrachtungen zwar in zwei Jahrzehnten enger Kontakte zu indischen Familien und unzähligen Gesprächen mit achtbaren indischen Kapazitäten gewachsen – doch sie bleiben trotzdem verklärt im subjektiven Blickwinkel eines europäisch geprägten Menschen.
Die Limitierung der Fruchtbarkeit war seit jeher das Ziel moslemischer und christlicher Religionsstifter. Und wir sind in einem solchen Kulturkreis gewachsen. Daß seit der sexuellen Befreiung in den 1960ern der aufgeklärte Bürger nun fortschrittlich betont, 'das sei doch ganz natürlich', ändert immer noch nichts an der Tatsache, daß bei uns die Sexualität immer noch in der Schmuddelszene fragwürdiger Magazine, übelriechender Kinos und 'da-geh-ich-doch-nicht-hin'-Vierteln zu Hause ist. Zumal die sog. "Befreiung" mit Sicherheit in die falsche Richtung ging, weil sie Sinnlichkeit und Fortpflanzung zu stark trennt.
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Limitierung der Fruchtbarkeit, das bedeutete im Abendland seit über 2000 Jahren eine Hochsetzung des Heiratsalters, die Verdammung außerehelicher Sexualkontakte und erst recht das Fegefeuer für ledige Mütter und ihre "Bastarde". All das verankert von Beginn an in den 10 Geboten.
Geprägt von solcher Schule ist unser selektives Wahrnehmungsvermögen bei der Betrachtung hinduistischer Sexualsymbolik, und wir fühlen uns angesichts der deftigen Darstellungen an den Tempelfriesen aufgerufen, unsere Reisegefährten anzustubsen und zu sagen: "was für eine Ferkelei!" und ich bin ebenfalls in fröhlicher Urlaubseuphorie mal bei zweideutigen Anspielungen ertappt worden: „Der Turnvater Jahn wäre sicher stolz auf uns, wenn wir solches fehlerfrei auf die Matte bringen...!“
Bei meinen Betrachtungen kann ich mich von den Maßstäben des Okzidents also auch schwer lösen. Angriff ist für mich somit die beste Verteidigung gegen christliche Sichtweisen.
Über allem soll aber der Respekt gegenüber unseren christlichen Lehren stehen. Die Limitierung des Bevölkerungswachstums hatte in den Regionen, in denen sie gelehrt wurde, schließlich praktischen Sinn.
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So besehen verstehe ich auch die Fruchtbarkeitsstimulierung in den Mythologien, die in lebensfeindlichen Regionen der Erde gewachsen sind. Über Tausende von Jahren war es angesichts hoher Säuglingssterblichkeit, Seuchen und Dschungelgefahren wichtig, möglichst viele Kinder zu haben – also gab es Kinderheirat, Polygamie und bis heute berühren Frauen mit Kinderwunsch den Lingam, das zentrale Heiligtum des Tempels, um die göttliche Potenz und Fruchtbarkeit aufzunehmen. Der Lingam – das wissen die meisten – ist der Phallus des Shiva. Nicht alle aber wissen, daß dieser Phallus in der trad. Darstellung in der Yoni (Vagina) der Parvathi steckt. Eine Symbolik, die nichts mit Lust zu tun hat, sondern den Moment der gelösten Schwerelosigkeit nach der Ejakulation zeigen will – also den Vollzug des göttlichen Schöpfungsaktes.
Ich respektiere nicht nur, sondern bewundere auch die vom puritanischen Klerus unverschmutzte Auffassung der Hindus, daß überall da das Göttliche präsent ist, wo Natur mit Natur verschmilzt und neue Lebensenergien schafft. Das ist beim Essen und Trinken so, wie auch beim Sex – was wir ja wohl im „Normalfall“ auch nach neuneinhalb Wochen noch fein säuberlich getrennt wissen möchten.
Wenn die Tempel ihren Gläubigen seit Tausenden von Jahren Geschichten aus dem Leben der Götter erzählen, so gehört wie selbstverständlich auch die kreative Vielfalt ihrer Sexualität als Symbol des Schöpfungsaktes dazu.
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Erotische Szenen finden sich an fast jedem Tempel, den wir von Nord bis Süd in den letzten Jahren besuchten – das Zentrum dieser Kunst scheint jedoch in den Regionen des heutigen Madhya Pradesh und Odisha zu liegen. In Madhya Pradesh wurden die Tempel von Khajuraho zum Symbol des Kama Sutra – zu Unrecht übrigens, denn die erotischen Friese machen nicht einmal 10% der Darstellungen aus, und am Sonnentempel von Konark in Odisha sieht man fast ebensoviel. Vielleicht ist er nur nicht ganz so gut erhalten, denn islamische Eroberer haben auch ihre Auffassung deutlich gemacht, daß man von Gott kein Abbild machen soll – und mit Schwertern und Streitäxten viele Figuren zerstört oder zumindest die Gesichter abgeschlagen.
Interessant ist, daß die Wurzeln dieser Denkweise in den Stammessitten und Ritualen zu finden sind, die um ein Vielfaches älter sind und erst vor etwa 2.500 Jahren in den Veden mit der hinduistischen Lehre verschmolzen.
Der Soziologe Verrier Elwin ist in den 40er Jahren mehrere Monate lang Gast eines Stammes in Indien gewesen, den die 'zivilisierten' Inder für primitiv halten, von dem aber ganz im Gegenteil angenommen werden darf, daß er eine Vorhut der. Intelligenz verkörpert. Dieses Volk heißt in Madya Pradesh Muria - in Odisha sind es die Bonda. Ihr ganzes Gesellschaftssystem ist um eine Sexualmoral errichtet, die das genaue Gegenteil der unsrigen ist. Eine Moral, die nicht verbietet, sondern aufbaut. Der Eckstein ihres Erziehungssystems ist ein Gesellschaftsschlafraum, in dem die Kinder 2 beiderlei Geschlechts vom zartesten Alter an zugelassen werden, um hier die Kunst der Liebe zu erlernen. Die Institution heißt Ghotul.
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Dort werden die kleinen Mädchen von den großen Jungen und die kleinen Jungen von den großen Mädchen lange vor der Pubertät in die körperliche Liebe eingeführt und zwar keineswegs auf instinktive oder tierähnliche Weise: die erotischen Techniken, die ihnen hier beigebracht werden, haben nach zehn Jahrhunderten der praktischen Ausübung, wie es scheint, einen unvergleichlichen Grad des Raffinements erreicht. Dieses Praktikum, das jedes Kind mehrere Jahre lang zu absolvieren hat, dient gleichzeitig zu seiner künstlerischen Ausbildung, da die Schüler des Ghotul ihre Mußestunden ‑ zwischen zwei Umarmungen ‑ damit verbringen, die Wände ihres Schlafsaals auszuschmücken. Die Inspiration zu den Zeichnungen, Malereien und Plastiken holen sie sich stets aus der Erotik. Elwin erzählt, sie seien so vollkommen, daß es nicht möglich sei, eine derartige Galerie zu betrachten, ohne sogleich von den lebhaftesten Empfindungen bestürmt zu werden. Und wenn man den kleinen Mädchen und jungen von elf Jahren zusieht, wie sie, ohne sich dabei zu verstecken, in völliger Ungezwungenheit bei weit geöffneten Türen und unter den stolzerfüllten Augen ihrer Eltern in Nachahmung der kühnsten Figuren dieses erotischen Museums lebende Bilder darstellen, für die sie in Europa geradewegs in eine Besserungsanstalt verbracht würden, nicht ohne zuvor die Skandalseite und damit die Kasse der wohlanständigen Zeitungen gefüllt zu haben, dann kann man sich des Gedankens nicht erwehren, daß diese Bonda nicht tausend Jahre im Rückstand leben, sondern eher einen Vorsprung von tausend Jahren haben.
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Das Erstaunlichste dabei ist, daß diese (praktisch erotischen Aufgaben), die allen Kindern des Stammes aufgegeben werden, nicht etwa Auswirkungen eines Sittenverfalls oder einer moralischen Blindheit sind, an denen diese Rasse von Geburt an leiden würde, sondern sehr wohl eines Systems, einer ausgearbeiteten und strengen Regel. Da ist keine Zügellosigkeit, sondern Ethik. Die Gemeinschaftsdisziplin des Ghotul ist sehr streng, und die Ältesten sind für die Jüngeren verantwortlich. Das 'Gesetz' untersagt bei ihnen mit aller Strenge jede dauerhafte Bindung zwischen Knabe und Mädchen.
Niemand hat das Recht, von irgendeinem Mädchen zu sagen, es sei das seine, und wer mit einem der Mädchen mehr als drei Nächte hintereinander verbringt, wird bestraft. Alles ist darauf abgestellt, die intensiven Bindungen, die sich in die Länge ziehen, zu verhindern und Eifersucht gar nicht erst entstehen zu lassen. Alle gehören allen.
Läßt ein Junge einem Mädchen gegenüber einen Eigentums‑ und Ausschließlichkeitsinstinkt erkennen, verzerren sich seine Gesichtszüge, wenn er sie den Geschlechtsakt mit einem anderen vollziehen sieht, dann übernimmt es die Gemeinschaft, ihn wieder auf den rechten Weg zu führen, indem sie ihm hilft, seine Natur zu bezähmen.
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Er muß sich nämlich dann selbst dafür verwenden, daß das Mädchen, das er liebt, von allen anderen jungen Männern besessen wird. Mit seiner eigenen Hand muß er die Manneskraft seiner Gefährten in sie einführen, bis er gelernt hat, darunter nicht nur nicht mehr zu leiden, sondern es herbeizusehnen und sich darüber zu freuen. Das größte Verbrechen bei den Bonda ist die Eifersucht, nicht der Diebstahl, nicht der Mord - derlei gibt es nicht. Auf diese Weise sammeln Mädchen und Jungen einzigartige sexuelle Erfahrungen. Sie gehören einem anderen Zeitalter an: Sie kennen nicht das Mißtrauen und die Verzweiflung unserer Zivilisation. Sie leben auf der Seite des Glücks.
Die Sitten der Tribals sind jedoch nicht einheitlich. Bei einigen Bondastämmen sind die Ghotuls, die Jugendhäuser, sogar nach Geschlechtern getrennt, und die Jungen des einen Dorfes besuchen regelmäßig die Mädchenhäuser der Nachbardörfer, wo sie wiederum der freien Liebe frönen. Auch scheint das Gesetz gegen die Dauerhaftigkeit einer Bindung nur so lange zu gelten, bis die Jugendlichen ihren Ghotul verlassen. Dies geschieht, wenn eines der Mädchen schwanger wird. Bei aller Freizügigkeit sind sie stets sicher, wer der Vater ihrer Leibesfrucht ist - beide verlassen den Ghotul und gründen eine Familie.
Makara
Mela
It falls on 14th January of English calendar
year. The Sun make his outset towards north pole and this the movement of the
Sun from this day is called "Uttarayana Gati". This festival is
observed largely in Odisha by both Arya and Anarya i.e, by general and Adivasi
caste. Since this occasion falls just after the harvesting of the paddy crops
is over in Odisha. Particularly, the festival is observed largely among all
with joy and ceremony. "Makar Bhoga" is made of new harvested rice,
milk, sugar, coconut and cheese etc. Mela is observed at Dhabaleswar in Cuttack,
Hatakeshwar at Atri in Puri, Makar Muni temple in Balasore and near various
deities in each district of Odisha.
Dhanu
Yatra
Dhanu Yatra relating to the episode of Lord
Krishna's visit to Mathura to witness the ceremony of 'Bow' is colourfully
observed at Bargarh. The town of Bargarh becomes Mathura, the river Jira
becomes Yamuna and the village Amapali on the other bank of the river becomes
Gopa. Different acts of the Puranic descriptions are performed at their right
places and the spectators move from place to place to see the performance.
Saraswati
Puja / Shree Panchami
The day marked for the propitiation of
Saraswathi, the Goddess of learning is known as Sripanchami or Basanta
Panchami. The words 'Sree' and 'Basanta' are significant to the festival. 'Sree' is beauty and the other name of
'Saraswati' and Basanta is spring season which brings beauty and pleasure to
the Earth. Therefore it is a festival to welcome beauty through worship of the
Goddess
Magha
Saptami
The most popular and colourful festival of
Konark, and occasion for a grand congregating of Indian pilgrims and
enthusiasts from abroad, falls on the 7th day of the bright half of 'Magha'.
The Indian pilgrims take a holy dips in the Chandrabhaga Tirtha near the sea
and welcome the rising Sun with prayers.
Also a grand fair is held at Khandagiri near
Bhubaneswar on the same day which continues for about a week.
Shiva
Ratri
The festival "Shiva’s Great Night"
falls on the 14th day of the dark half of Phalgun and is observed by devotees
all over the country. Devotees keep fast and perform puja throughout the night
and keep a vigil to witness the sacred lamp on the temple top. The festival can
be best enjoyed at Mahendragiri, Gupteswar, Kapilas, Puri, Bhubaneswar and
Khiching.
Dola
Dola, popularly known as Holi is the most
popular and colourful festivals of Odisha, celebrated on Phagun Purnima and a
day succeeding. Based on the romantic plays of Radha and Krishna, people
converge on the streets with their idols on gaily decorated 'Vimanas' singing
devotional songs in their praise and throwing colour powders and waters on each
other.
Asokastami
The Car festival of Lord Lingaraj at
Bhubaneswar, Asokastami is held in the bright half of 'Chaitra'. The protégé of
Lord Lingaraj is taken in the chariot from the main temple to Rameswar Temple
and return in a four-day stay.
Sriram
Navami
The birthday of Lord Rama is observed as
Ramanavami on the ninth day of the light half of the month of Chaitra. Though
there are very few temples dedicated to Rama in Odisha, this festival is widely
celebrated by the performances of Ram Leela (the sport of Rama) based on the
famous epic Ramayana. Beginning from this day the performances continue for
over a month. Some observe fasting on the day and take food only after visiting
the temple.
Chaitra
Parba
The Chaitra Parba or Chhau Festival commences
from 10th/11th April every year and continues for three days concluding on
'Mahavishuva Sankranti Day' at Baripada. This is a festival of festivals which
is enjoyed by the people of the country and the enthusiasts from abroad.
Sitala
Sasthi
The celebration of marriage ceremony of Lord
Shiva with Parvati starts with the untying of the wedding knot of the divine
couple. Devotees act as their parents to perform the marriage. The bridegroom's
procession popularly known as 'Barat' starts from the 5th night of the bright
half f Jyestha and the marriage is performed in the tradiotional manner.
Ratha
Yatra
Ratha Yatra, 'Known as Cart Festival' is the grandest
of all fetivals in Odisha.It is the sacred journey of Lord Jagannath with
brother Balabhadra and sister Subhadra from the main Jagannath Temple to
another shrine called 'Gundicha Mandir' for nine days. It begins from the 2nd
day of the bright half of 'Asadha' which falls in June-July every year.
Thousands and thousands of devotees fro all over India and abroad throng on
that day at Puri to pull the sacred Chariots
Durga
Puja
Durga Puja symbolises the commemoration of god
over evil. Life comes to stand still in the city of Cuttack as crowds pour over
the the Puja Mandaps to enjoy the festivities. On the day succeeding 'Vijaya
Dasami', the last day of Dussehra, the images are taken in a spectacular
procession for immersion in the river Kathajodi.
Lakshmi
Puja
Observed with much pomp and ceremony in
Dhenkanal town., it commences from the full moon day of Aswin and continues for
a period of one week.
Beach
Festival
Puri, the adobe of Lord Jagannath, is a
wonderful beach resort for leisure tourists. It is known for its thirteen major
festivals of Lord Jagannath celebrated every year. But the new Tourist Festival
known as 'Puri Beach Festival' held from 5th-9th November each year ha come to
limelight in recent times.
Bali
Yatra
To commemorate the glorious past of commercial
voyages to the islands of Bali, Java and Sumatra by Odisha Traders, a big fair
called 'Bali Yatra' is held on the Mahanadi river bank at Cuttack.
Konark
Festival
A festival of classical dance forms performed
by the celebrated danseurs of the country on the Open Air Auditorium set amidst
the casuarina grove against the back drop of Sun Temple, a World Heritage
Monument. During the festival evenings the atmosphere is surcharged with
rhythmic dancing beats and melodious tunes.
Dhanu
Yatra
Dhanu Yatra relating to the episode of Lord
Krishna's visit to Mathurato witness the ceremony of 'Bow' is colourfully
observed at Bargarh. The town od Bargarh becomes Mathura, the river Jira
becomes Yamuna and the village Amrapalli on the other bank of the river becomes
Gopa. Different acts of the Puranic descriptions are performed at their right
places and the separators move from place to place with the actions to see the
performance.
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