„Die Seite für die Frau“ könnte ich es nennen. Der flapsige Illustriertenjargon trifft es - jedoch nicht präzise. Diese Seite ist von Marion. Sie zeigt „unser“ Indien aus der Sicht der Frau – was für die Frau sicher besonders interessant ist, sofern sie sich mit dem Gedanken an eine Indienreise trägt. Marion schreibt, was sie in Indien empfindet und zeigt es mit ihrer Fotogalerie. Wenn man bedenkt, daß die KD-Reiseidee seit 1986 fast überwiegend Frauen anspricht, dann ist diese Seite bei KD-online besonders wichtig. Doch auch die männlichen Indienfreunde dürften hier ihren Spaß haben – viel Freude beim Schmökern wünscht Bernd Symons

 


Grüße aus dem tropischen Busch – da winken sie Dir zu: Marion, bewaffnet mit dem kleinen Paul, Martin und Lovely, die Mutter der Jungs von der Vettikavumgal-Farm in Kerala...

 

INHALT (letztes Update 14. Januar 2005)

Mein erstes Mal

Ende März nach Jaisalmer

Die Stadt erwacht

„Da werden Weiber zu Hygienen“

Jeepsafari in die Sandwüste

Zähneknirschend genießen

Navratri

Die Prinzessin auf der Enduro

 

Marions kleine Fotogalerie

 

=Email, Fax, Telefon & Anschrift

 

 

 

 

 

 

 

Mein erstes Mal


Backwaterspiegelungen – Erinnerungen
an mein erstes Mal (Foto: Marion Baumgart)

Jährlich nach Indien – für mich seit vielen Jahren ein Muß.
Ich erlebe es immer wieder neu – doch das erste Mal bleibt unvergessen
.

(Marion Baumgart, Juni 2001)

Den Reiz und die Eindrücke der "ersten" Reise kann  keine andere je wieder erreichen. Nie mehr werde ich diesen "Indiengeruch" vergessen, den ich das erste Mal gerochen habe, als ich in Bombay, wie es damals noch hieß, aus dem Flughafengebäude gekommen bin. Und dieser typische Geruch liegt über dem ganzen Land. Ich kann ihn überhaupt nicht beschreiben, ein bißchen stickig, aber ich würde ihn sofort erkennen, wenn man mich mit verbundenen Augen in Indien absetzt. Unbeschreiblich ist auch das erste indische Essen auf der Farm in Kodancherry. Wir saßen um den großen Tisch im Haus, sieben Leute, die sich eigentlich fremd und doch schon so vertraut waren und warteten gespannt auf die aufgetragenen Speisen. Reis, scharfes Gemüse, Fisch, Fleisch, alles duftete nach herrlichen Gewürzen, und das Essen mit den Fingern war eine ganz eigene Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Da wird Essen wirklich wieder zu einem archaischen Grundbedürfnis.


Unwiederbringlich – der erste Kontakt mit den indischen Kindern (Foto: Marion Baumgart)

Unwiederbringlich ist auch der erste Kontakt mit den indischen Kindern. Nie vergesse ich die kleine Bindu, die ein paarmal scheu um die Ecke schaute, bevor sie zu mir kam und meine große weiße Hand in ihre kleine schwarze nahm und mich anstarrte.

Der erste Spaziergang ins Dorf, die erste Fahrt mit dem völlig überfüllten öffentlichen Bus in die Stadt, den ersten filigran geschnitzten Specksteintempel, den ersten Elefanten, die erste Fahrt auf den Backwaters im frühen Morgendunst....... das alles bleibt unvergessen und einzigartig.

Vieles von dem, was mich auf der ersten Reise so fasziniert hat, ist inzwischen zur Gewohnheit und ganz normal geworden. Das wurde mir zum ersten Mal klar, als ich 1996 allein in Jaisalmer war und dort ein Paar aus Israel traf, das zum ersten Mal in Indien war. Bei einem Spaziergang durch die Stadt waren die beiden entsetzt, die dreckigen offenen Abwasserkanäle rechts und links der Straße zu sehen, die vor allem von den indischen Kindern auch als Toilette benutzt wurden. Und ich hörte mich erklären, daß in den Häusern keine WC´s seien und daß es doch bei diesen Temperaturen durchaus hygienisch sei, diese Abfälle außerhalb des Hauses zu entsorgen. 


“Kinderklokanal“ – frühmorgens in den Gassen von Jaisalmer (Foto: Marion Baumgart)

Als ich Indien das erste Mal nach 4 traumhaften Wochen wieder verlassen mußte, habe ich die ganze Fahrt bis zum Bahnhof geweint. Jede Palme an der Straße schien mir "Auf Wiedersehen" zuzurufen, aber ich ahnte damals nicht, daß ich wirklich wiederkommen würde. Ich hatte nur das Gefühl, "meine Familie"  für immer zu verlassen und war unendlich traurig.

Wie oft ich noch wiedergekommen bin,
wie die Überwindung der Distanz immer einfacher zu
werden scheint und wie wir uns langsam über Rajasthan
in das traumhafte Gujarat vorgearbeitet haben, folgt demnächst. 

 

 

 

 

 

Ende März nach Jaisalmer

von Marion Baumgart – aus dem Rajputana-Traumheft RT961

 

Frühmorgens hat mich Chandrashekar zum Bus gebracht.

Da der winzige Kofferraum schon ziemlich voll und zudem auch noch dreckig war, habe ich meinen Rucksack und meine Tasche mit zu meinem Sitz genommen. Das war ein Fehler, wie sich später herausstellte. Obwohl ich einen Deluxe-Bus mit Platzreservierung gebucht hatte, stiegen schon an der ersten Haltestelle mehr Leute ein, als der Bus Plätze hatte.

Aber wie immer folgte eine heftige Debatte zwischen dem Conductor, einigen Fahrgästen, dem Fahrer und einer unbestimmten Menge von eigentlich völlig unbeteiligten Personen. Leute stiegen ein und wieder aus, aber irgendwann konnten wir tatsächlich losfahren.

Der Platz zu meinen Füßen war nur gerade groß genug für eine meiner beiden Taschen, so daß ich die eine die ganze Fahrt auf dem Schoß halten mußte. Das war bei der Enge und der Hitze nicht gerade die beste Idee. Zudem kam ich nicht an meine Trinkflasche und an nichts zu essen.

Der Drang nach Essen und Trinken wich aber sowieso zunehmend dem Drang, die Getränke vom Frühstück wieder loszuwerden. Zum Glück hielt der Bus ja nach etwa 3 Stunden an einer Teebude. Man konnte also auch gleich wieder nachfüllen.

Je näher wir der Wüstenstadt Jaisalmer kamen, desto abenteuerlicher wurden die Gestalten, die an den ‘zig Haltestellen des „Non-Stop-Busses“ einstiegen: Männer mit zerfurchten braunen Gesichtern, gelb-grünlichen Turbanen, die aus lauter Würsten zu bestehen schienen, ihren alten Armee-Jacken und einem Bündel voller Allesmögliche über der Schulter; Frauen in den traditionellen rajasthanischen Gewändern mit wundervollem Silberschmuck in Nase und Ohren mit ihren rotznasigen Kindern auf dem Arm.

Ich döse vor mich hin, versuche ein bißchen zu schlafen und sehe plötzlich, in die grelle Sonne blinzeInd, die Umrisse des Forts von Jaisalmer in der Ferne.

Ich bin sofort hellwach und unendlich glücklich, endlich da zu sein. Vom Busstop bis zur Nachana-Haveli nehme ich einen Jeep, obwohl es, wie sich gleich herausstellt, nur ein paar hundert Meter sind. Aber bei der Hitze ist mir mit dem Gepäck jeder Meter zu viel.

Die Stadt erwacht

Am frühen Morgen sitze ich auf der Terrasse eines der vielen Restaurants in der Umgebung der Haveli.

Ich blicke auf die Straßen und Menschen in meiner Lieblingsstadt hinunter (obwohl ich sonst eher zu ihnen aufschaue) und genieße dann Kaffee und das Hiersein.

Die ersten Ladenbesitzer kommen und schließen ihre Geschäfte auf.

Ich überlege mir gerade, wie der junge Mann gegenüber wohl all seine riesigen Kühlschränke hinaus auf die Straße bekommt - als wie zufällig jemand vorbeikommt und ihm hilft.


 Jaisalmer (Foto: Marion Baumgart)

Ein Stück weiter werden die Räder in einem Fahrradgeschäft noch mit Händen und Füßen ausgewuchtet.

Darüber kann ich immer wieder staunen: Wieviele Tätigkeiten hier noch per Hand ausgeführt werden, für die wir kompliziertes Werkzeug brauchen.

„Da werden Weiber zu Hygienen“

Gegenüber wird in einer kleinen Teebude ein Getränk zubereitet, das zum größten Teil aus Milch, etwas Wasser, etlichen Löffeln Zucker und einem winzigen Teelöffel TEE besteht. Auf einem Spirituskocher steht ein rostiger Kessel, in dem das ganze kurzfristig erwärmt wird um danach in naturtrüben Gläsern verkauft zu werden. Die Gläser werden aber nach jedem siebten Kunden im offenen Abwasserkanal auf der Straße abgespült.

Als ich Orit und Alon aus lsrael kennengelernt habe, haben wir uns in unseren stundenlangen nächtlichen Diskussionen unter anderem über die Abwasserkanäle unterhalten. Orit, die zum ersten Mal in Indien war, fragte mich, ob ich das denn nicht eklig fände, diese offenen Kanäle überall in den Straßen. Nein, sagte ich ihr, wohin sollen sich auch sonst die Menschen setzen, wenn sie ihr Geschäft verrichten müssen. Das läge ja dann alles in den Straßen rum. Orit war total entsetzt. In dieser Unterhaltung habe ich gemerkt, wie sehr sich mein Gefühl für Dreck, Gestank, Unrat, Unordnung, Chaos usw. seit meinem ersten Indienbesuch verändert hat. Sobald ich in Mumbai oder Delhi aus dem Flugzeug aussteige, bin ich in Indien und sehe auch mit indischen Augen.

Viele Maßstäbe, die ich in Deutschland anlege, sind hier einfach nicht gültig und auch nicht notwendig.

In gewisser Weise genieße ich sogar den Dreck. Ich liebe alles, was so völlig anders ist, als bei uns: die Menschen, das Essen, das Klima und deshalb auch die Abwasserkanäle und die Kühe auf der Straße.

Jeepsafari in die Sandwüste

Bei bis zu 45°C im Schatten war es für eine Kamelsafari beim besten Willen zu heiß. Deshalb haben wir uns (meine indischen und israelischen Freunde und ich) zu acht einen Jeep gemietet und sind damit über die Dörfer zu den Sanddünen von Sam gefahren.

Der hintere Teil des Wagens war voller Wasserflaschen, fein säuberlich getrennt nach indischen und europäischen. Die einen ordentlich verschweißt mit sterilem desinfiziertem Wasser, die anderen, schön bunte Thermosflaschen mit dem dreckigen verseuchten Wüstenwasser voller Krankheitskeime und Bakterien.

Die letzteren blieben die ganze Fahrt schön kühl und in den unsrigen war schon nach kurzer Zeit eine lauwarme Brühe.

That's the price, we have to pay...

Auf dem Weg haben wir zwei Tempel besucht, Ram Kunda und den Lodurva Jain-Tempel und haben im Dorf Damodra einen kurzen Stop gemacht. Die Kinder kamen wie überall ans Auto gestürmt und haben (leider) alle um Geld gebettelt. Offensichtlich wird dieses Dort bei solchen Touren öfters angesteuert, denn die Ursprünglichkeit der Häuser und des dörflichen Lebens standen ganz im Gegensatz zum Verhalten der Bewohner, die schon ganz gut auf das Schröpfen der Touristen trainiert sind.

Zähneknirschend genießen

Als wir in Sam angekommen sind, wehte schon eine ganz schön steife Brise. Der Sand flog uns nur so um die Ohren. Den Photoapparat auszupacken, daran war gar nicht zu denken.

Wir haben unsere Schuhe ausgezogen und sind durch den weichen warmen Sand gelaufen. Wie kleine Kinder haben wir uns die Dünen runtergerollt und die Leute beobachtet, die mit Kamelen in die Dünen gekommen sind. Nach kürzester Zeit war der Sand in alle Ritzen gekrochen, aber wir hatten ja zum Glück noch unser warmes Wasser, um die knirschenden Zähne zu spülen.

Wir haben uns in eines der windgeschützten Dünentäler gesetzt und auf den herrlichen Sonnenuntergang gewartet. Den muß man in Sam einfach gesehen haben.

Navratri


Princess Divya of Nachana – standesgemäß mit Sari und Schleier schaut sie vom Dach ihrer Haveli in Jaisalmer (Foto: Marion Baumgart)

Am achten Tag des neuntägigen Festes Navratri hatte die Familie des Maharaj Kishan Singhji Freunde und Verwandte zu einem ausgiebigen Fest eingeladen. Nachdem alle die letzten sieben Tage mehr oder weniger gefastet hatten, wurde heute ein tolles Festessen vorbereitet.

Schon von morgens an kamen die Gäste. Stolz wurden die gerade erst fertiggestellten Gästezimmer präsentiert. In den Küchen hinter dem Haus und im Hof brutzelten riesige Töpfe auf offenem Feuer. In der einen Küche kochten die Brahmanen die vegetarischen Gerichte und auf der anderen Seite des Hofes, strikt getrennt, waren die Rajputen-Köche mit dem Fleisch beschäftigt.

Was am Nachmittag kleingeschnitten im Fleischtopf wiederzufinden war, waren noch am Morgen zwei muntere Zicklein. Wir hatten am Vormittag eine kleine Pooja, bei der die beiden Ziegen auch dabei waren und gesegnet wurden. Meine typisch westliche Äußerung "poor goats" wurde sofort heftigst zurückgewiesen. „These are the happy goats!“ Als sie hingerichtet wurden, mußte ich zum Glück nicht dabeisein und abends als scharfes Curry waren sie wirklich lecker.

Die Prinzessin auf der Enduro

Divya, Vikram und Reggie haben mir den Abschied nicht leicht gemacht und so habe ich meine Abreise immer wieder um einen Tag verschoben. Da ich aber in Jodhpur sein wollte, wenn Bernd aus Kerala ankommt, war irgendwann der Tag der Wahrheit gekommen.

Diesmal hatte ich wirklich einen Super-Deluxe-Bus gebucht und Divya hat mich mit der Enduro zur Haltestelle gefahren. Sie weiß, daß sie eines Tages standesgemäß und traditionell mit einem Rajputen verheiratet werden wird und akzeptiert das auch. Aber bis dahin genießt sie alle Freiheiten wie moderne Kleidung, Jeans, ihr Studium und eben auch das Motorradfahren.

Mit Tränen in den Augen bestieg ich den Bus. Der Fahrer versprach uns, den Platz neben mir freizulassen, damit ich diesmal genug Platz für mein Gepäck hatte. Das war aber auch nicht weiter schwierig, denn der Bus war höchstens halb voll. Und er hielt auf der Fahrt nach Jodhpur nur einmal - in Pokaran.

Das war eine wundervolle Woche! Jaisalmer ist immer eine Reise wert.  n