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Prunkbauten, Wüste & Wildnis – Nomaden, Adivasi, Löwen & Wildesel
              Mit den Nawabs und Rajas auf Safari in GUJARAT

 

Die Pionierreise 2001 ist das Thema dieser Seite
mit Links zu vielen Fotogalerien. Von GUJARAT DISCOVERIES
der Folgejahre berichten zunächst die InderNettNews und
dann das Gujarat-Forum für unsere Reiseberichte

Aktualisiert Sonntag, 31. August 2008zum Inhalt:

 

Der Raub der Sabinerinnen – ich habe ihn digital in die Neuzeit verlegt und die schönsten Bajania-Frauen ins Internet verschleppt. Willst Du mehr? Dann klick Dich in die Bajania-Fotogalerie!


Namashkaram, liebe Indienfreundinnen & -freunde!

Ein schreckliches Erdbeben im Januar 2001 wollte uns einen Strich durch die Gujarat-Reisepläne machen. Als wir im Februar nach Jodhpur (Rajasthan) flogen, war der Plan schon aufgegeben und eigentlich wollten wir statt dessen ein paar gemütliche Wochen mit unseren Freunden verbringen.

Doch dann bekam unser Gastgeber Chandrashekhar Besuch aus Gujarat – und wir anhand authentischer Berichte eines Touristikers und eines Journalisten wieder neuen Mut. Und Ihr werdet sehen, daß wir Gujarat in voller Pracht erleben können – auch wenn die Region um Bhuj im Rann von Kutchchh noch einige Zeit wegen der Erdbebenschäden ausgeklammert werden muß. Immerhin ist Gujarat mehr als doppelt so groß wie Österreich, und da ist eine Menge zu sehen

Wir starteten nun also doch, legten in nur 14 Tagen 3000 Kilometer zurück, und Marion und ich haben zu guter Letzt am Palmenstrand von Diu noch 10 Tage verbracht, um die vielen neuen Eindrücke in Ruhe zu verarbeiten. Diu, ein kleines Unionsterritorium an der Südspitze der Halbinsel Saurashtra, ist zum Abhängen prädestiniert. Und eines war schon damals sicher: Die Gujarat-Discovery war geboren. Immerhin bietet Gujarat eine spannende Mischung aus genau den Highlights, die uns bisher nach Kerala, Rajasthan oder Orissa lockten.

Wir sind Gast bei den Maharajafamilien wie in Rajasthan, erleben die archaischen Lebensweisen und bunten Basare prächtig geschmückter Stammesgruppen  wie in Orissa und finden zum Schluß ein subtropisches Paradies mit einsamen Stränden, das uns sehr an Kerala erinnert.

Bequem, aber warm: 3000 heiße Kilometer bei 40 Grad durch Gujarat in diesem neuen Toyota Qualis 2,6 Liter Diesel

Eine GUJARAT DISCOVERY bei angenehmen Temperaturen kann man von September bis Februar machen – wer wie wir im März fährt, muß bis zu 10 Grad mehr ertragen können – bei der geringen Luftfeuchte war es nicht so schwer.

Auf dieser Seite lest Ihr nun von unseren ersten Erlebnissen. Die folgenden Reisen beschreiben unsere Gäste, Marion und ich im Gujarat-Forum. Und wer nicht die Zeit hat, so viele Texte zu verarbeiten, macht seine virtuelle Reise durch die Gujarat-Fotogalerien – die vielen Bilder und Bildunterschriften erzählen ihre eigene Story. Besser kann man das Gujarat-Bild nicht abrunden - eine Region, die der Tourismus bisher aus unverständlichen Gründen weitgehend ignoriert. Aber gerade das frommt der KD-Philosophie ja besonders, oder?

Diu, am 8.04.02, Euer
                                   Bernd

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lageplan Gujarat

 

Marmorfries aus der Juma Masjid in Champaner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gujarat – der Inhalt:

Lageplan Gujarat

GUJARAT –  WAS FÜR EIN INDIEN!

Hart am Ideal - die Gujarat-Discovery

Gujarat-Routenkarte

Anforderungen an die Unterkünfte

POSHINA Darbargadh

Poshina Fotogalerie

BALASINOR

JAMBUGHODA

Lohnenswerte Ausflüge:

Seewanderung mit Hindernissen

Bunte Märkte, Forts und Moscheen

Wochenbasare um Jambughoda

Eine Nacht in der Stadtwohnung

ZAINABAD  AM LITTLE RANN

Das Erdbeben

Ausflug in den Rann

Spaziergang durch das Dorf Mithaghodha.

Wilde Rallye durch die Wüstennacht

Im Dorf Mullada

PATAN

MODHERA – Sun Temple

Zur Modhera-Fotogalerie

BECHARJI – Mata Mandir

Zur Becharji-Galerie

PALITANA

Zur Palitana-Fotogalerie

Der Aufstieg

Palitana-Tipps

Perfekter Ausklang: AM STRAND VON DIU

Zur Diu-Fotogalerie

Island in the Sun: Diu

Ausflug nach Sasan Gir – Löwensafari mit Hindernissen

Es gab natürlich auch Flops

Trommeln, Tänzer, Teufelsmasken

Prunkpalast und mieser Beach

 

 

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GUJARAT –
WAS FÜR EIN INDIEN!

Gujarat, das Land, wo man den Tee aus der Untertasse schlürft; das Land der buntgeschmückten Chhakado - Diesel-Motorräder, die zum dreirädrigen Lasten-Trike aufgemotzt mit 15-20 Personen beladen durchs hitzeflirrende Ödland knattern.

Das Land, das als Heimat der Jains immer noch doppelt „trocken“ ist (klimatisch gesehen und es herrscht Alkoholverbot) und nur ganz wenige nicht vegetarische Restaurants hat. Für die Nichtvegetarier: Bei unseren fürstlichen Gastgebern werden uns auch Huhn & Lamm serviert. Und wer mal „non-veg“-Getränke möchte, der wisse, daß die Privilegierten eine Sondergenehmigung für den Bezug und Genuß von Alkohol haben – „Health-permit“ genannt...

Gujarat ist auch das Land, wo scheinbar jeder, der etwas auf sich hält, eine Hollywoodschaukel sein eigen nennt. Der Name ist wohl verfehlt – hier scheint der Ursprung dieser Schaukel zu sein. Vom prächtig beschnitzten und bemalten Modell für den Fürsten bis hin zum primitiven Eisengestell vor den Bungalows der Beamten – wir haben sie alle gesehen.

Der Beim Besuch der Dörfer: Alle umringen uns – Kinder in die erste Reihe; überschwengliche Freundlichkeit schlägt uns entgegen.

Das Land, das normalerweise durch seine unterschiedlichen klimatischen Bedingungen vielfältige Landschaftsformen zwischen Wüste und Regenwald aufweist, ist von der nun schon über 3 Jahre andauernden Trockenheit stark ausgedörrt. Wenn man wie wir die enorme und teils schon lebensbedrohliche Wasserknappheit erlebt hat, relativiert sich der weltweite Protest gegen das Narmada-Projekt. Dieser riesige Staudamm, der als größtes Bauvorhaben der Welt gilt, ist für viele Gujarati in den östlichen Landesteilen die einzige Hoffnung, seit man sich auf die Regelmäßigkeit der Monsunregen nicht mehr verlassen kann.

Gujarat, das Land, in dem wir Touristen 3 Wochen lang nicht einmal um einen „Pen“ angebettelt werden, wo wir allerorts und von allen Seiten wie alte Freunde gegrüßt werden – bloß weil wir Fremde sind.

Gujarat, das nach einem Blick auf die Karte sehr verkehrsgünstig liegt und eine Vielzahl interessanter Sehenswürdigkeiten bietet, und dennoch von erstaunlich wenigen Touristen besucht wird.

Ein Grund mehr für die Freunde der Kerala-Discovery-Philosophie, sich da einmal umzuschauen.

In einem Dorf bei Balasinor

 

Hart am Ideal - die Gujarat-Discovery

Eine Gujarat-Discovery, wie wir sie uns erschlossen haben, könnte man als Mischung aus Kalinga-Discovery und Rajputana-Discovery bezeichnen – mit einer Prise Kerala.

Wie in Orissa haben wir die Möglichkeit, farbenprächtige Stammesgruppen und viele ihrer wöchentlichen Basare zu besuchen. Im Gegensatz zu manchen Orissa-Tribes sind alle überraschend freundlich und die Fahrtstrecken dazu sind hier deutlich geringer. Und wer die Prise Kerala sucht, der findet sie in Diu.

Wie in Rajasthan hingegen wohnen wir bei Fürstenfamilien in herrlichen alten Gemäuern. Wir haben dabei besonderen Wert auf Ursprünglichkeit gelegt. Fast alle unserer Stationen sind vom westlichen Tourismus völlig unberührt, die Paläste und Kastelle sind teilweise verfallen, an den von den Familien bewohnten Gebäuden blättert die Farbe und so mancher Erker ist im Laufe der Jahrhunderte ziemlich windschief geworden.

Gujarat-Routenkarte


Klick zur Routenkarte

Auch in unseren Gästezimmern ist noch alles Original. Die Möbel stammen größtenteils noch aus dem 19. Jahrhundert, Gemälde und verblaßte Fotografien an den Wänden zeigen die Ahnen der heutigen Ex-Herrscher, und zu jedem der Bilder wissen die Gastgeber eine Geschichte zu erzählen. Manches Mal fühlst Du Dich anhand des Zustands der Gebäude an den verarmten europäischen Adel erinnert, dem außer seinen klangvollen Namen und Titeln nichts aus der prächtigen Vergangenheit geblieben ist.

Doch dieser Ersteindruck täuscht. Alle unserer Fürsten sind sehr wohlhabend bis schwerreich. Sie besitzen riesige Ländereien, großzügige Eigentumswohnungen in der Großstadt, und die Erträge aus Landwirtschaft und  Pachteinnahmen können sich sehen lassen – auch wenn die meisten große Einbußen durch die schon über 3 Jahre andauernde Dürre haben.

Wir schlafen mal fürstlich ...

Nein, für diese Menschen gelten andere Prioritäten. Während die Anwesen ihrer Vorväter langsam vor sich hinbröckeln, erfährt man nur zufällig am Rande, wie viel die „erstwhile rulers“ heute noch für die darbende Landbevölkerung tun.

Anforderungen an die Unterkünfte

Wie in Rajasthan wählen wir die Unterkünfte nach folgenden Kriterien aus:

Der ... mal schlafen wir schlichter – aber immer ordentlich (beide Zimmer in Poshina)

Etliche Heritage-Objekte haben wir gefunden, die unseren Kriterien entsprechen. Im folgenden werden die schönsten vorgestellt. Versucht einmal, unsere Stationen auf den Landkarten zu finden. Das wird schwer – und genau das ist das archaische Potential unserer Gujarat-Discovery.


Das Wappen der Fürsten zu Poshina – Pferde spielten immer schon eine wichtige Rolle

POSHINA Darbargadh

Der Darbargadh-Palast liegt im nördlichsten Zipfel Gujarats. Gastgeber sind Kanvar Harendrapal Sinh und Frau Kailash (gen. Hanu  & Honey) (hier in G. heißen die Noblen Sinh – Singh heißt in Gujarati „Erdnuß“...).

Nach einem exzellenten Lunch mit dem Fürsten lädt uns Hanu zu einem Rundgang durch den Palast ein. 10 Gästezimmer zum Teil sehr schön mit antikem Originalmobiliar eingerichtet. (Fotos im vorigen Kapitel)

Hanu und seine Familie sind nicht nur an der Pflege der eigenen Familientraditionen interessiert – er engagiert sich besonders für die Probleme der Stammesgemeinschaften. Hanu kann viel erzählen über die Sitten und Gebräuche, und wer mit ihm die Dörfer besucht, darf mit einem besonders herzlichen Empfang rechnen. Die Tribals aus der Umgebung Poshinas sind noch mit Pfeil & Bogen und Schwert gerüstet. Vor dem Palasteingang treffen wir die Schwertschmiede und schauen ihnen bei der Arbeit zu.

Poshina Fotogalerie


Tritt hindurch – hier ist das Tor zum befestigten Palast Darbargadh in Poshina – und zur Fotogalerie

Für ein ganz besonders spektakuläres Event waren wir ein paar Tage zu früh in Poshina: 2 Tage nach Holi findet alljährlich ein großer Tribaldance im Palasthof statt – es kommen mehrere Tausend Tribals und tanzen dem Fürsten zu Ehren, der sich sehr für sie einsetzt.

Immerhin können wir mit Hanu die Tribal Opferstätte mit Terrakottapferden besuchen. Die Töpfer scheinen jede Menge zu tun zu haben, denn für jeden Bitt- und Bußgang opfern die Stammesmitglieder hier unter den heiligen Bäumen eines dieser roten Pferde. Zu Hunderten stehen sie hier in Reih’ und Glied – das Maul zu einem lustigen „O“ geöffnet. Für mich sah es aus wie ein Chor singender Pferdchen.

Sechs Gäste aus England haben kürzlich das Godha-Projekt zu Gunsten der Stammesgemeinschaften ins Leben gerufen. „Godha“ ist das Gujaratiwort für „Pferd“. Jeder Spender bekommt ein Terrakottapferd, das zu seinen Ehren auf dem Hof aufgestellt wird – die Spenden sammelt Harendrapal. Wenn ein genügend großer Betrag zusammengekommen ist, wird er ihn den Tribals zukommen lassen – in Form eines Brunnens oder einer Pumpe. Was immer aktuell fehlt, wird aus dem Spendentopf finanziert. Logisch, daß Marion und ich jetzt ebenfalls ein Pferd dort stehen haben.

Das klingt doch gut: Wir fahren nach Poshina – da haben wir unser Pferd stehen...

Mehr dazu in den kleinen Geschichten zu den Fotos der Poshina-Galerie

 

BALASINOR

Noch keine Touristen beherbergt: Der Garden Palace des Nawab Mohammed Salabat Khan Babi in Balasinor

Die neuesten Bilder von unserem Besuch 2002 findest Du in der Balasinor-Galerie

Freuen sich auf KD-Gäste: Begum Farhat und Nawab Mohammed

Unsere Unterkunft: Balasinor Garden Palace

Die Gastgeberfamilie:

Nach vielen Rajputenfürsten lernen wir erstmals die islamischen Herrscherfamilien kennen.  Was der Maharaja bei den Hindus und Rajputen ist, heißt hier Nawab – die Rani wird zur Begum: Nawab Mohammed Salabat Khan Babi, Begum Farhat Sultana, hier lebende Kinder: 4. und jüngster: Nawabsada Salauddin Khan Babi (21) und 3. Tochter Nawabsadi Aliya Sultana (26) Renovierung im Gange – Zimmer / Palast sehr mitgenommen, Familie sehr nett

Mit Salauddin, dem Nawabsada (Prinz), besuchen wir die Dörfer, naschen von den Anisplantagen und sehen das drittgrößte Ausgrabungsfeld aus der Saurierzeit. 60 Mio. Jahre alte versteinerte Sauriereier und Knochen, die ich aber als Laie ohne Salauddins Hilfe nicht identifizieren könnte.

Respektvoll knotet sich der Prinz – hier heißt es Nawabsada – sein Taschentuch ums Haupthaar, und nun stehen wir im Mausoleum der Regentenfamilie. Fröhlich erzählt Salauddin inmitten der Sarkophage seiner Vorväter, daß hier nur noch Platz für den Nawab, ihn selbst und später für seinen erstgeborenen Sohn ist. „Meine Enkel müssen ein neues Mausoleum bauen – dies hier ist dann voll.“

Der Nawabsada erlaubt uns auch, ihn kurz „Sallad“ zu nennen – ich habe ein wenig Schwierigkeiten damit – es klingt so geringschätzig nach „Salat“. In der Familiengruft der Nawabs stehen wir dann inmitten der Särge: 11 ehemalige Herrscher sind hier beigesetzt.

„Pikanterweise liegt hier als einzige Frau auch eine meiner vier Großmütter!“, erzählt Salauddin. Er kann aber nicht sagen, wie sie dieses Privileg bekommen hat – alle anderen Begums sind draußen im Hof des Mausoleums beigesetzt.

Abends bei einem hervorragenden Dinner am Familientisch erzählt die Begum vom Erdbebentag: „Ich sagte gerade noch zum Nawab, wälze Dich nicht so im Bett – das ganze Haus zittert wieder!“ – Der Nawab lacht sein tiefes Lachen. Er ist wahrhaftig ein Mann wie ein Berg – bestimmt wiegt er über 150 Kilogramm. Er fügt hinzu: „Aber ich mache doch gar nichts, habe ich verwundert gesagt. Da haben wir beide gemerkt, daß es ein Erdbeben ist!“ Aber bis auf einen Riß in der Treppe sei nichts kaputtgegangen. „Unsere Vorfahren waren eben gute Baumeister.“

In dieser Wüste (links) befindet sich die drittgrößte Saurierfundstelle der Welt, erklärt uns Salauddin. Es ist eine schöne, wilde Landschaft, finden wir – aber die kreisrunden weißen Einschlüsse im Lavagestein (rechts) hätten wir niemals für versteinerte Eier von Sauriern gehalten. Immerhin fühlen wir uns angesichts dieser 60 Millionen Jahre alten Relikte erheblich jünger als vorher... trotzdem gefallen uns die Dörfer um Balasinor besser. Aber wenn einer von Euch Fossilien sammelt...

 

 

Der Jambughoda-Palace – hier wohnen wir

Die große Jambughoda-Fotogalerie ist fertig!

 

JAMBUGHODA

Der Aufenthalt in Jambughoda gehört zu den interessantesten einer Gujaratreise, obwohl auf kaum einer Karte verzeichnet und touristisch völlig jungfräulich.

Der alte Maharana von Jambughoda verstarb am 3.12.2003

Ein persönlicher Bezug für uns und alle anderen Freunde Chandrashekhars aus Jodhpur: Hier lernen wir die Familie der liebenswerten Großmutter Lady Ba kennen. Ihr ältester Bruder war der verstorbene Maharana Digvijai Sinh. Das Erbe der Ländereien hat inzwischen der Sohn Maharana Vikram Sinh und seine Frau Gyaneshwari Devi übernommen – sehr feine Menschen von überragender Gastfreundschaft. (Sohn Bhanwar Karmavead Sinh (24), Tochter Chandramoheni (20))

Vikram hat ein Liqueur-Permit – man nennt es hier “Health Permit“ – und damit im „Dry State Gujarat“ die Genehmigung zum persönlichen Alkoholkonsum. Es gilt im übrigen für alle Stationen der Reise: Ob mit oder ohne Alkoholprivileg – keiner unserer Gäste muß hier „darben“ – im Gegenteil, kaum sieht man einen Europäer, muß gleich Bier oder Härteres aufgefahren werden. Die Verwunderung darüber, daß ich keinen Alkohol mag, stimmt nachdenklich. Was für Saufbolde sind wir in den Augen der Inder?

Pithora-Malereien zieren die Innenwände der Rathwa-Hütten

Lohnenswerte Ausflüge:

Gandhara (ein Dorf der Rathwa Adivasi) Äußerlich unscheinbare Hütten betrittst Du und entdeckst die schönen Pithora-Malereien (Erdfarben mit Ziegenmilch) mit denen die Adivasi ihre Welt darstellen. Die Alten des Rathwa-Familienverbunds ziehen irgendwann in einen Seitentrakt des Stalls und überlassen der jüngeren Generation das Haus.

Bogen mit nadelspitzen Pfeilen gehören zum Rüstzeug der Männer ebenso wie voluminöse Wasserpfeifen, die den Pfeifen der Eingeborenen vom blauen Nil verblüffend ähneln.

Maharana Vikram

Seewanderung mit Hindernissen

Am Abend fahren wir zu einem kleinen Stausee, der in den inzwischen verstaatlichten Ländereien der Familie liegt und jetzt Teil eines Naturschutzgebiets ist. Viele Wasservögel sollen hier zu sehen sein – wir waren spät dran und sehen nur ein paar Enten und den schwarzweißen „Did-ya-do-it“.

Marion und ich wollen den See in einem kleinen Spaziergang umrunden – „No problem!“, meint Vikram. Während er mit Chandra und Kishore auf der Aussichtsterrasse bleibt, wandern wir los. Was wir nicht wußten – und Vikram wohl auch nicht: Als wir den See halb umrundet haben, sehen wir an der Mündung eines Bachs, der mit ziemlicher Strömung den See speist. Zu breit, um hinüberzuspringen – zu tief, um hindurchzuwaten. Also liefen wir bachaufwärts, um einen Steg oder zumindest eine Furt zu finden. Für die indischen Freunde waren wir schnell außer Sicht, zumal die Dämmerung zügig fortschritt.

Jambughoda: Blick über den See im letzten Dämmerlicht

Auch wir mußten uns sputen. Schuhe und Strümpfe ausziehen und durch das Gewässer waten – oder umkehren.

Ich für mein Teil mag Rundwanderungen – den gleichen Weg zurück laufe ich ungern – selbst in unbekanntem Gelände nehme ich oft in Kauf, mich zu verlaufen. Also entschieden wir uns für die Überquerung des kleinen Flusses und krempelten die Hosenbeine hoch. Drüben mußten wir erst einmal abwarten, bis die Füße trocken waren – mit schlammigem Geläuf will ja niemand wieder in die Socken.

Kurzum, es war finster, als wir die zweite Hälfte der Seeuferwanderung angingen – derweil machten sich unsere Inder schon Sorgen. Sie beratschlagten die Zusammenstellung einer Rettungsexpedition, während wir durch die Dunkelheit am Ufer entlang stolperten. Dicht über unseren Häuptern rauschten metergroße fliegende Hunde und ihre dunklen Schatten wirkten gegen den bleichen Nachhimmel doppelt groß.

Pavagadh (Champaner) mit Fort und einer schönen Moschee Jama Masjid (Für Nichtinder 5 $ Eintritt!)

 

Die Riesenfledermäuse fliegen von ihren Schlafbäumen nach Einbruch der Dunkelheit zunächst dicht über den See, um im Fluge zu trinken, bevor sie sich auf Futtersuche machen. Daß diese Früchtefresser uns nichts antun, ändert nichts am gespenstischen Eindruck, wenn so ein Riesending nur einen Meter über Deinem Kopf vorbeirauscht.

Vikram hat uns von allerlei wildem Getier erzählt. So stolpern wir in ständiger Erwartung hungriger Leoparden, Wölfe und Wasnichtalles durch die Finsternis, und immer wenn die Lichter der Aussichtsterrasse ganz nahe  scheinen, zwingt uns einer der unzähligen Seitenarme des Sees zu erneuten Umwegen.

Die haben ganz schön was am Hals - kiloweise Silber tragen die Rathwa-Frauen auf dem Goghamba Basar

Als ich dann endlich schweißgebadet den Abhang zur Terrasse hochgeklettert bin, schaue ich auf die Uhr – bloß anderthalb Stunden sind wir unterwegs gewesen! Mir schien die Wanderung Stunden gedauert zu haben.

Mit allgemeinem Aufatmen, daß wir unversehrt wieder da sind, wird der Allrad vorgefahren und es geht heim zum Palast. Dort flackert bereits ein großes Lagerfeuer zwischen den uralten Bäumen, wo allabendlich zum Aperitif und anschließendem Open-Air-Dinner unterm gewaltigen Sternenhimmel gebeten wird. Das ist romantische Tradition seit Generationen auf Schloß Jambughoda, und beim Gespräch mit der Familie erfährt man eine Menge über Land, Leute und die gute alte Zeit.

 

 

Bunte Märkte, Forts und Moscheen

Wochenbasare um Jambughoda

So – Ghoghamba; Mo – Kanwat; Mi – Jambughoda; Do – Gadhbhikhabura; Fr - Baroda (mit Antik); Sa - Chotaudepur

Wir fahren zum Sonntagsmarkt in Goghamba. Doch dieser Name ist nur Platzhalter für viele gleich schöne Dörfer in der Umgebung. Hier ist an jedem Wochentag irgendwo in der Nähe der Wochenbasar. Am Freitag soll es einen großen Basar mit Antik- und Flohmarkt in der Distriktshauptstadt Vadodara (Baroda) geben.

 

 

Fahrt nach Sankheda (40 km)

Schöne Altstadt mit herrlich verzierten Häuserfronten. Hier sind die Werkstätten der Kharabi. Wir können die Kharabi-Meister bei der Herstellung der bemalten Möbel beobachten, denn alle Werkstätten sind zur Gasse hin offen. Diese Art Möbel sind für Indien einzigartig und werden nur hier hergestellt. Sie mögen nicht immer unseren europäischen Geschmack treffen – aber wir haben noch nie Holzbearbeitung und Bemalung in einer solchen Geschwindigkeit und Präzision gesehen.

Foto unten: Die Kharabi-Meister in Sankheda: Drechseln, Schleifen, Lackieren in rot oder schwarz, mit goldenen Mustern bemalen und anschließend an heißer Holzkohle mit farbigem Harz beschichten. Alle Arbeitsschritte werden mit Händen und Füßen in Hochgeschwindigkeit ausgeführt. Du staunst, wie beispielsweise das rote Stuhlbein (links) innerhalb von weniger als 20 Sekunden mit dem goldenen Rautenmuster bemalt wird!

Am Weg liegt die Don Bosco Adivasischule – Vikram kennt den Leiter und möchte Hallo sagen. So bekommen wir Gelegenheit, einen Tee zu trinken, und ich habe nett mit Khuman (einem Rathwa-Adivasi) geplaudert. Er war zunächst fassungslos, wie wenig ich über den Patron der Schule, Don Bosco, wußte.

Er erzählt bereitwillig von diesem Projekt, das die Ureinwohner an die Neuzeit heranführen soll. Stolz zeigt er aber auch auf die Großfotos an den Wänden, die seine Stammesmitglieder in Originaltracht tanzend bei ihren Festen zeigen. „Wir lernen alles, was Ihr auch lernt – ohne unsere Identität und Tradition aufzugeben.“

Ob wir unseren Gästen denn auch einmal solch ein Spektakel zeigen können, frage ich Vikram. Das sei kein großes Problem, meint er. Die Rathwa feiern viele Feste.

Tribal Basar Montags in Kanwat – sehr schön. Heute ist hier zusätzlich ein Fest, bei dem die Jungen der Adivasi die Mädels jagen und fangen dürfen – um sich bei Erfolg mit ihnen in die Büsche zu schlagen. Die Mädel sind mit ihrem üppigen Silberschmuck zu den schönsten Tribals zu zählen.

Am Ortsausgang lassen wir uns zum Lunch nieder, den Vikram vorsorglich eingepackt hat. Im Schatten eines Bodhi-Baumes  fehlen eigentlich nur noch die Stühle. Kaum habe ich das scherzhaft erwähnt, kommt Vikrams Boy auch schon mit Plastikstühlen herbei – ausgeliehen im nahen Haus eines Dorflehrers. Es sind die Kleinigkeiten, die uns gefallen. Hier eine kleine, unerwartete Geste, dann wieder stellst Du fest, wie genau die Gastgeber sich Deine kleinen Vorlieben merken.

Eine Nacht in der Stadtwohnung

Die kleine Ramila – ihr Schicksal macht nachdenklich. Fernab von Indien sind selbsternannte Menschenrechtler schnell mit Allgemeinplätzen wie „Kinderarbeit“ bei der Hand, wenn sie in einem Fürstenhaushalt eine Achtjährige Adivasi Staub wischen sehen

In der Distriktshauptstadt Vadodara hat Vikram kürzlich eine Wohnung gekauft. Auf unserem Rückweg von Valsad übernachten wir hier nach einem prächtigen Dinner, bevor wir auf die Halbinsel Saurashtra fahren.

Sehr komfortable Eigentumswohnung, die Vikram geschmackvoll mit alten Jugendstilmöbeln aus Familienbesitz (sehr schön!) und maßgefertigten Einbauschränken aus Hölzern der eigenen Wälder eingerichtet hat. Vikram wohnt hier nur, wenn er in der Stadt zu tun hat – seine Tante (eine der Schwestern von Ba, Chandras Mutter aus Jodhpur) lebt in dieser Wohnung, und auch Vikrams lediger Sohn Karmavead, der im örtlichen Büro von Jet-Airways arbeitet.

Vier Frauen und Mädel aus den Rathwa-Communities Jambughodas stellen hier das Personal und schlafen auf dem großen Balkon. Die kleinste ist gerade mal acht Jahre und hat mir am besten gefallen. Die bedächtigen, routinierten Bewegungen wollten so gar nicht zu dem zierlichen, kleinen Mädel passen. Sie erschien mir gerade 5 oder 6 Jahre alt, und ich war überrascht, als Vikram mir sagte, sie sei schon acht. Er erzählte mir auch ihre Geschichte.

Die kleine Adivasi Ramila hat schon sehr früh ihre Mutter verloren, und der Vater ist hoffnungslos dem Alkohol verfallen. Nachdem sich die Kleine eine Zeitlang um ihren Bruder gekümmert hatte, haben Vikram und Gyaneshwari sie zu sich genommen und sie in die Schule geschickt – dort aber war Ramila nur eine Außenseiterin. Sie lief weg und blieb lieber im Haus, wo sie erstaunlich geschickt alles sauber hält.

Kooba in Zainabad – strohgedeckte Rundhütten aus Lehm...

... und unsere Rechteckhütte mit Schindeldach – alle wunderschön mit trad. Blattmustern verziert.

 

ZAINABAD
AM LITTLE RANN

Wohnen in Koobas (Originalhütten der Bajanja): Das „Deserts Coursers Camp“ des Nawab Shabbir Malik of Zainabad (60) und seines Sohnes Nawabzada Dhanraj Malik (34) &  Ehefrau Zahida (28) – Tochter Salina (4)

Hier also keine Palastunterkunft. Der Nawab hat seinen ersten Palast – einen der prächtigsten Gujarats – vor Jahren wegen Baumängeln abreißen lassen müssen. Seinen jetzigen Palast verlor er durch das Erdbeben im Januar 2001.

Die Hütten im Wüstencamp des Nawab sind zum größten Teil Koobas – er hat sie in den 80er Jahren von den Baumeistern des Bajania-Stammes bauen lassen. Die Bajania sind ein Dschungelvolk, das in den letzten Jahrzehnten fast ausgestorben ist – wie auch der Dschungel dieser Region.

Der Nawab erzählt: „Es war damals nicht einfach, den Bajania klarzumachen, daß ich die Koobas größer brauche. Seit Generationen bauen sie diese Hütten immer gleich – 6 Fuß im Durchmesser. Um da zwei Betten und ein paar Kleinmöbel unterbringen zu können,  brauchte ich aber 10 Fuß. Das ist unmöglich, behaupteten sie kategorisch und weigerten sich: Das stürzt doch ein. Aber zusammen mit meinen Leuten haben wir es dann doch hinbekommen.“

Die strohgedeckten Kooba-Hütten (sprich: „Kuuba“) sind selbst in der Mittagshitze angenehm kühl. Dafür nimmt man gern in Kauf, daß für europäische Ansprüche auch drei Meter ziemlich eng sind. Während wir noch darüber nachsinnen, wo man denn den Koffer aufklappen kann, haben die Boys des Camps diese bereits in eine der rechteckigen Hütten im hinteren Bereich gebracht. Die sind wesentlich größer – aber das unisolierte Ziegeldach verspricht einen warmen Aufenthalt – trotz Deckenventilator.

Immerhin - sogar Warmwasser kommt aus der Wand. Als uns der Boy sagt „Hot water in 5 minutes!“, habe ich ihm sogleich den Eimer aus dem Bad gebracht. So waren wir es von Etablissements des einfacheren Standards gewohnt. Aber der Gute erklärt in schlechtem Englisch, daß wir in ein paar Minuten den Warmwasserhahn aufdrehen sollen. Stolz zeigt er den hochmodernen Boiler hinter der Hütte, in dem bereits ein kräftiges Holzfeuer knistert.

Palace Zainabad – der erste Stock ist durch das Erdbeben voller Risse. Der Nawab muß zum zweiten Mal in seinem Leben sein Haus einreißen lassen

Als wir wenig später frisch geduscht mit dem Nawab zusammensitzen, erzählt dieser vom Erdbeben. Die runden Koobas hätten sich als absolut erdbebensicher herausgestellt – nur ein paar von den rechteckigen Doppelhütten seien eingestürzt. Unter anderem auch unsere – sie hätten sie gerade vor zwei Wochen wieder aufgebaut. Sehr beruhigend fanden wir das und haben sogleich unsere empfindlichen Wertsachen unter die Charpoys geschoben. Diese alten indischen Betten würden das Schlimmste abhalten (Vermutlich für die Nachwelt – falls ein neues Beben nachts das Dach über unseren Häuptern einfallen läßt...)

Das Erdbeben

Abends beim Aperitif sitzen wir zum ersten Mal in unserem Leben auf Polstermöbeln aus Lehm. Entworfen von der verstorbenen Tochter des Nawab, wurden Sessel und Sofas aus Lehm geformt, mit eingedrückten Blattmustern dekoriert, und bunte Polster mit Spiegelstickereien der Tribals machen die Lehmmöbel sogar recht bequem.

Der Nawab freut sich sehr über den Besuch von Chandra. 24 Jahre haben sie sich nicht gesehen. Ein guter Grund, für einen besonders ausgedehnten Dinnertrunk mit Whisky, Rum und Beer. Uns Nichttrinkern hing jeden Abend der Magen in den Kniekehlen, bis die Noblen mit ihren Drinks fertig waren. Immerhin hören wir interessante Geschichten. Zum Beispiel haben wir nicht gewußt, daß unser Chandrashekhar Singh aus Jodhpur hier vor 24 Jahren beim Nawab Shabbir gelebt hat. Er hat hier in Saurashtra mit einem Freund bei den Hirtenvölkern Schafe im großen Stil aufgekauft, mit LKWs nach Mumbai geschafft und dort nach Saudi-Arabien verschifft.

Nawab Shabbir Malik of Zainabad

Der Nawab erzählt vom Tag des Erdbebens:

„Ich glaube, wir haben an diesem Morgen des 26. Januars die Zeichen nicht gedeutet. Zum Beispiel die Vögel. Jeden Morgen ist eine der ersten Handlungen meiner Frau, draußen auf der Terrasse die Schalen mit Körnern für die Vögel zu füllen, und immer warten schon eine Menge Vögel auf die Morgenspeisung. An diesem Morgen aber waren die Vögel nicht da, und meine Frau sagte noch, da ist heute kein einziger Vogel draußen. Werden satt sein, habe ich geantwortet. Und plötzlich wackelte das Haus, ein tiefes Rumpeln und Poltern war zu hören, irgendwo ganz nahe stürzte irgend etwas ein.

Nach einer Schrecksekunde rannten meine  Begum und ich die Treppen hinunter und aus dem Haus. Wir sahen Risse, die sich wie in Zeitlupe an den Wänden des Palastes auftaten und im Zickzack immer länger wurden. Das Haus stürzte nicht ein, aber der erste Stock, wo unsere Schlafgemächer liegen, ist unbewohnbar und muß abgerissen werden. Wir leben jetzt erst einmal im Erdgeschoß.

In unserer Gegend ist nicht viel zerstört worden. Ein 14j. Junge im Nachbardorf Mithaghodha war das einzige Todesopfer – er wurde von einer umstürzenden Mauer begraben. Verletzte gab es viele hier am Rande des kleinen Rann of Kutchchh  - Dhanrajs Frau wurde schwer verletzt auf der Treppe ihres Hauses gefunden. Das linke Bein war dreimal gebrochen, der Rücken verletzt und sie blutete stark. Inzwischen macht sie die ersten schmerzhaften Gehversuche an Krücken – es geht aufwärts.

Trockene, aufgeplatzte Erde so weit das Auge reicht
– mit dem Nawab Shabbir am Steuer des gasbetriebenen Allrad auf der Spur der ....

Hätten wir die Zeichen richtig gedeutet und alle die Häuser verlassen, wäre ihr nichts geschehen. Die Vögel müssen das nahende Beben gespürt haben, und auch die Hunde kläfften und jaulten den ganzen Morgen.“

Ausflug in den Rann

Trockene, aufgeplatzte Erde so weit das Auge reicht. Vereinzelt stacheliges, niedriges Buschwerk – das ist das Little Rann of Kutchchh. Als ich aus dem Allrad des Nawab steige, stelle ich erstaunt fest, wie weich die rissige Erde unter meinen Füßen ist. Als wenn der Untergrund noch schlammig wäre – dabei hat es hier 3 Jahre nicht geregnet.

Da sehen wir auch schon eine Herde Wild Ass – 20 bis 25 Muttertiere mit Jungen. Wunderschöne Tiere mit rotbrauner bis beiger Zeichnung – viel schöner als auf den Abbildungen, die ich gesehen hatte. Keine männlichen Wildesel dabei, meint Shabbir und wir kurven noch ein wenig durch die Landschaft. Doch die dunkler gezeichneten Ass-Hengste suchen wir vergebens. Die Wild Ass sind hochsensible und intelligente Tiere mit überaus scharfen Sinnen, erläutert Shabbir. „Sie lassen uns heute mit dem Jeep auf etwa 50 Meter heran – würde ich jetzt ein Gewehr hervorholen, wären sie schneller verschwunden als ich anlegen könnte.“

… letzten wilden Halbesel (Wild Ass) Indiens. Eine Eselsafari habe ich mir wirklich nicht so spannend vorgestellt!

Erstaunt hören wir, daß es für die Jagdgesellschaften der früheren Nawabs immer ein  besonderer Stolz bedeutet habe, einen Wild Ass erlegt zu haben – sie seien weit schwerer zu jagen als Panther, Tiger oder Löwen.

Hier und da sehen wir kleine Buschinseln im Rann. Büsche, die um größere, kraterähnliche Löcher herumstehen. Die Löcher sind kaum 60-80 Zentimeter tief, bis zu 10 Meter im Durchmesser und annähernd rund. Meine Frage, wie diese Löcher entstanden sind, kann der Nawab nicht beantworten. „Aber die Wild Ass  benutzen sie als Schlafplatz.“, erklärt er.

„If these holes are for the Wild Ass – how would you call them?“, frage ich ihn hinterlistig. Chandra und Kishore, die meine Neigung zu Wortspielen bereits kennen, lachen laut – und der Nawab stimmt mit seinem lustigen Fistelgelächter mit ein. Aber mitten drin im Gelächter dämmert dem wohlerzogenen Regenten, was für ein höchst unanständiger Gedanke da von mir abgesondert worden war – und explodiert in einem solch brüllenden Gelächter, daß wir alle erneut mitgerissen werden.

Die Rabari sind das stolze Hirtenvolk in Gujarat und Rajasthan

Auf der Fahrt durch das ausgedörrte Land schimpft der Nawab über Maharaja Umaid Singh aus Jodhpur und dessen Kollegen von Morbi. Die haben gegen den Willen der Mehrheit der Rajas und Nawabs in den 40er Jahren Samen eines Akaziengewäches aus Mexiko importiert und mit Helikoptern über den Dürregebieten des indischen Nordwestens abwerfen lassen – das stachelige Buschwerk verbreitete sich schnell und bringt nach Shabbirs Meinung mehr Schaden als Nutzen. Das wenige Grasland sei von diesem Buschwerk verdrängt worden, das die Tiere nicht fressen. Als schnell wachsendes Feuerholz sollte es der Landbevölkerung zugute kommen – zu mehr kann man es aber nicht brauchen.

Immer wieder sehen wir die Hirten, die weißgekleideten Rabari mit den verwegenen Bärten und Turbanen. Große Strecken müssen sie mit ihren Herden zurücklegen, damit Büffel, Schafe, Ziegen und Zebus satt werden. Der Fürst stoppt den Jeep immer wieder, um mit den Menschen zu sprechen. Mit großem Respekt wird auch hier der Herrscher gegrüßt. Wir verstehen zwar nicht, was geredet wird – aber der joviale, fröhliche Umgangston des Nawab gefällt uns. Nichts an seiner Art läßt erkennen, daß ihm die ganzen Ländereien hier gehören – er spricht, scherzt, diskutiert mit den Bauern und Hirten, als wäre er einer der ihren.

Als er nach einer kurzen Diskussion mit den Schafhirten wieder mit dem kaputten Magnetschalter seines Anlassers zu kämpfen hat, erzählt Shabbir: „Der Wolf hat wieder ein Schaf gerissen heut Nacht. Das passiert schon mal. Ich habe ihnen immer wieder gesagt, sie sollen dem Wolf das erbeutete Schaf lassen – aber sie haben das tote Tier auch diesmal wieder sichergestellt. Jetzt wird der Wolf heute nacht wieder eins reißen...“

Spaziergang durch das Dorf Mithaghodha.

Ein ganz kleines Stück Plastikplane will sie – das ist ihre ganze Not, und ich bin gerührt

Hier kann man dem Töpfer zuschauen, und der Schmied hat sogar ein kleines Hammerwerk, mit dem er unter ohrenbetäubendem Lärm Hacken und Schaufeln fertigt. Wir werden vom Dorfältesten herumgeführt und dürfen in die hintersten Winkel schauen – eskortiert von sämtlichen Kindern Mithaghodhas, und das sind nicht wenige. Alle lassen uns mit fröhlichem Lachen bereitwillig in ihr Privates schauen.

Die fröhliche Herzlichkeit der Dörfler ist uns in ganz Gujarat schon aufgefallen. Die Menschen laden zum Tee ein, zeigen uns ihre trad. Spiegelstickereien. Über das Erdebeben klagt niemand – aber wir sehen die hier und da eingestürzten Mauern und die provisorisch mit Plastikplanen errichteten Zelte in den Höfen – 6 Wochen nach dem großen Beben schlafen sie noch hier draußen. Teilweise sind die primitiven Hütten nicht sicher und da ist auch die Angst vor weiteren Beben. Eine winzige Oma zeigt mir eine Ecke ihres Lattengestells, wo die zerfetzte Plastikplane nicht ganz reicht, und redet mit piepsiger Mickey-Mouse-Stimme auf mich ein. Kishore erklärt mir, daß sie mich wohl für ein Mitglied der Relief-Kommission hält. Ein ganz kleines Stück Plastikplane will sie – kaum ein halber Quadratmeter. Das ist ihre ganze Not, und ich bin gerührt. Den Nawab spreche ich darauf an, und tatsächlich nimmt auch er die kleinen Nöte sehr ernst und verspricht, sich darum zu kümmern.

Die fröhliche Herzlichkeit der Dörfler – und die Kinder in der ersten Reihe – mir und meiner Kamera ist das nur recht.

Als wir das Dorf verlassen, ist die Sonne untergegangen und schnell wird es dunkel. Mit Staunen sehen wir wandernde Wasserschildkröten über den staubigen Weg kriechen – fast 30 Zentimeter lang – und weit und breit gibt es seit 3 Jahren kein Gewässer für sie.

Wilde Rallye durch die Wüstennacht

Mit dem gasbetriebenen, offenen Allradjeep fegt der Nawab mit fast 100 Sachen über die Sandebene des Rann – während ich anhand der Venus nur sehe, daß es westwärts geht, kennt der Nawab sich in dieser Wildnis wohl aus wie in seiner Westentasche. Immer bremst er rechtzeitig, bevor eine Bodenwelle aus der Finsternis auftaucht. Ich habe das Gefühl, daß es dem alten Herrn eine Menge Spaß macht, uns seine Fahrkünste zu zeigen. Rebhühner und Pfauen stieben in Panik zur Seite. Eine prächtige Nilgai-Antilope muß schon kräftig zulegen, um dem Jeep des Nawab zu entkommen – in Nullkommanix hat Shabbir sie bis auf 20 Meter eingeholt.

Runderneuerte Flugzeugreifen braucht es hier für die Jeeps des Nawab. Manche Dornen sind stark genug, normale Reifen zu zerstören. Für den Maruti-Allrad, mit dem wir unterwegs sind, gibt es aber keine passenden. Also muß ab und zu angehalten werden und Dornengestrüpp vom Weg geräumt werden.

Ein grünes Plastikkarussell, das sich dreht, wenn der Plastikdinosaurier seinen Fuß darauf setzt – beispielloser Schwachsinn aus der Juniortüte eines gewissen US-Milliardärs schottischer Abstammung – hier in Mullada löst es einen wahren Aufstand aus („sponsored by Benny“)

Als wir vor dem Desert Camp aus dem Fahrzeug steigen, steht der fast volle Mond bereits  riesengroß über den Neem-Bäumen und taucht die Cottages in diffuses Licht. Morgen ist Holi, das indische Farbenfest. Marion und ich sehen dem mit etwas gemischten Gefühlen entgegen...

Im Dorf Mullada

In Mullada haben wir am nächsten Tag Gelegenheit, einer Stickerin bei der Arbeit zuzuschauen. Jetzt wissen wir, wie die runden Spiegelchen waschfest eingenäht werden. Wenn Du mal einen Schaden an Deiner Kaschmirweste hast, frag uns um Rat.

Hier ist es auch, wo der kleine Stoffsack von Benjamin einen wahren Volksaufstand verursachte. Dazu muß ich erläutern, daß Benjamin (10) mein jüngster Neffe ist. Jedesmal rümpelt er vor meinen Indienreisen in seiner Spielzeugkiste und packt Püppchen, Plastiksaurier, kleine Autos für die Kinder in den indischen Dörfern ein. Ich bringe ihm dann immer ein Bild mit von den Beschenkten, und er freut sich, daß die sich gefreut haben. Ich weiß, was jetzt einige von Euch denken: Man sollte eigentlich in den Dörfern überhaupt nichts geben, um die Kinder nicht zu Bettlern zu machen, die nachfolgende Gäste anquengeln.

Wo viele Touristen sind, ist dies schon wirklich schlimm geworden. Aber in den Dörfern, die wir besuchten, handelt es sich bei meiner Spielzeugorgie wohl um eine einmalige Aktion. Und eine Orgie wurde es unversehens, denn innerhalb von Sekunden war ich so eingekeilt, daß ich Mühe hatte, Bennys Toys gerecht zu verteilen. Zumal sogar die erwachsenen Männer sich vordrängten und die kleinen Ärmchen im wahrsten Sinne des Wortes zu kurz zu kommen drohten. Aber ich habe es geschafft, und unter Johlen und Kreischen war der Beutel in kürzester Zeit leer und der Spuk vorbei.

Betten, Beutel, Bello – alles aufs Kamel, und dann ziehen sie weiter

Wir verlassen das Dorf und kommen gerade noch rechtzeitig, um einen Nomadenzug mit schwerbepackten Kamelen zu sehen. Mit Betten, Kind und Kegel verließ der Hirtentroß Zainabad, wo er einen Tag und eine Nacht kampiert hat. Die Männer mit den Herden waren schon weit voraus. Die Frauen tragen schwarze Kleidung aus schwerer Wolle, mit der man einen Eskimo winterfest machen könnte. Und das hier bei 40 Grad! Sie durften deshalb nur 1 Nacht bleiben, da die hiesigen Bauern und Hirten selbst zu wenig Wasser und Futter haben. Deshalb durfte der Nawab ihnen nicht mehr erlauben.

Obwohl die Nomaden also zu denen zählen, die unter der anhaltenden Dürre am meisten leiden müssen, sind sie alle sehr freundlich und halten die Lastenkamele gern für ein paar Fotos an. Muß ich erwähnen, daß sie hinterher nicht um ein Bakschisch bettelten? Das kannten wir aus anderen Regionen Indiens – hier in Gujarat haben wir dies nie erlebt.

 

...schwarze Kleidung aus schwerer Wolle, mit der man einen Eskimo winterfest machen könnte...

 

PATAN

Alte Hauptstadt der Solanki-Dynastie, Blüte 8.-14. Jh. Später durch muslimische Raubzüge zerstört. Von der großen Zahl von Tempeln und Brunnen blieb nur ein prächtiger Stufenbrunnen: Rani-Ki  (11.Jh. erbaut von Rani Udaymati - erst vor wenigen Jahrzehnten wiederentdeckt und ausgegraben) hier auch 5$ Eintritt für Ausländer.

Nur wegen eines Brunnens nach Patan, fragst Du? Doch wenn Du davorstehst, zeigt sich ein gewaltiges, unterirdisches Gebäude wie ein Tempel, dem man das Dach genommen hat. Unzählige Stufen führen vorbei an üppigen Figurenfriesen, Säulen, Bögen über mehrere Etagen und Galerien hinab in den Brunnen. Und ein Abstieg ist  - bei allem Protest gegen die neuen Eintrittspreise für Nichtinder – seine 235 Rupien dicke wert.

Doch – was heißt hier eigentlich „Nicht-Inder“? Sind es nicht allein wir, die ausweislich ihrer Haarfarbe und hellen Haut identifizierbar sind? Der Kassierer im Kassenhäuschen bestimmt  den Tarif jedenfalls auch hier nach Augenschein, denn Personalausweise oder Pässe gibt es in Indien nur für wenige (die ins Ausland wollen). 5 Rupien für Inder – 5 Dollar für Ausländer – die vielen ind Gujarat lebenden Albinos haben jetzt wohl schlechte Karten...

Der Rani-Ki Stufenbrunnen in Patan – ein gewaltiges Bauwerk, 1000 Jahre alt ....

Patan ist auch die letzte Bastion der ehemals florierenden Patola Webtechnik dieser Region. Früher gab es hier über 700 Patola-Weberfamilien – heute nur noch zwei.

In Orissa haben wir die einfachere Variante dieser Webtechnik schon bewundert. Dort wurden für einen Seidensari die Kettfäden nach bestimmten Mustervorgaben an bestimmten Stellen gefärbt. So ergab sich beim späteren Weben ein dauerhaftes Streifenmuster.

Die Patanweber hingegen färben nicht nur die Kettfäden, sondern auch die Schußfäden. Nach präzisem Ausrichten am Webstuhl erzeugen sie so ein kompliziertes Muster. Ein 6 Meter langer Sari macht in dieser komplizierten Technik 4-6 Monate Arbeit, berichten uns die Webermeister. So ein Sari wird natürlich nur von den ganz Reichen für die Hochzeit gekauft – sie müssen immerhin ca. 120.000 RS – 6000 DM dafür hinblättern. Das ist ein ganzer Sack voll Geld für so ein Stück Stoff, das für den Laien vergleichsweise unscheinbar wirkt.

Wie dauerhaft eine solche Arbeit ist, sehen wir an Stoffen, die über 300 Jahre alt sind und nichts von ihrer Farbintensität verloren haben.

3 Jahre Wartezeit für 1 Hochzeitssari – das ist heute die Regel. Es gibt nicht mehr genug Meister, die diese Technik beherrschen.

...ein Brunnen mit hervorragend erhaltener Detailvielfalt – schon damals muß das Wasser den Menschen dieser dürren Region um Patan heilig gewesen sein.

Mein lustiges Zwiegespräch mit dem Webermeister Bharat:

„Wir schaffen 4-5 Patola-Saris pro Jahr.“

„Bei mindestens 4 Monaten Arbeitszeit pro Sari hat Ihr Jahr dann 20 Monate?“

„Nein – wir arbeiten auch nachts...“

 

MODHERA – Sun Temple

Nach Konark in Orissa der bedeutendste Sonnentempel Indiens – nachdem beide Tempel “nicht mehr arbeiten” und nur noch historische Monumente sind, ist dieses Werturteil wohl kunsthistorisch zu werten. Nachdem wir im vergangenen Jahr in Konark waren und nun vergleichen können,  wissen wir nicht, welchem wir den Vorzug geben sollen. Beide sind gleichermaßen beschädigt – beide haben eine gewaltige Pracht in ihren Figurenfriesen mit unendlich vielen Göttergestalten, Tieren und Ornamenten. Natürlich heben die riesigen, aus Stein gemeißelten Räder des Konark-Tempels dieses Bauwerk aus der Vielzahl der bisher gesehenen Sakralbauten heraus – in ihrer Detailvielfalt sind beide fast gleich, wenn man einräumt, daß der Surya Mandir in Modhera kleiner ist. (5$ Eintritt für Foreigner auch hier…)

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Modhera Surya Mandir – die Steinschnitzer konnten sich durchaus mit denen aus Ranakpur messen

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BECHARJI – Mata Mandir

Tempel der Eunuchen mit schönen Basargassen (evtl. als Extraprogramm ab Zainabad, wenn Tour über Poshina oder mit Zug). Die Eunuchen lassen sich oft von echten Frauen kaum unterscheiden – eindeutig konnten wir nur drei identifizieren. Von einem vierten Eunuchen wurden wir durch das charakteristische Händeklatschen überrascht, mit dem die perfekt geschminkten Sariträger zu Geldspenden auffordern: Den (oder die oder das?) hätten wir hundertprozentig als Frau durchgehen lassen.

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Becharji Mata Temple – das bunte Treiben um den Eunuchentempel findest Du in der Becharji-Galerie

Der buntbemalte Tempel selbst ist für Indienkenner keine Sensation – das Treiben rundherum ist aber einen Aufenthalt wert.

 

PALITANA

Unsere geplante Unterkunft sollte der Vijai Vilas Palace sein – es war aber keiner da. Vom Personal hören wir, daß momentan nur 2 Zimmer für Gäste aufbereitet sind. Weitere könnten kurzfristig renoviert werden. Chandra klärt das später – bis dahin nehmen wir Unterkunft in den komfortablen Cottages des VisamO Resort, 16 km vor Palitana

Kishore erklärt, was uns bevorsteht:

„Wecken um halb Sechs!“

Da packt einen schon mal das Morgengrauen – aber bei der zu erwartenden Hitze ist das wohl empfehlenswert.

„Die Treppenstufen des 3 km langen Pilgeraufstiegs sind flach gemauert und haben alle die gleichen Höhe.“

Das ist sicher viel bequemer als in Sravana Belagola, wo 614 unregelmäßig aus dem Fels gehauene Stufen zwischen 10 und 35 cm Höhe zu nehmen sind.

„614 Stufen?“ Kishore lächelt milde, „In Palitana sind es 3.400 Stufen!“

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Gipfelglück – 3.400 Stufen, die sich lohnen
Die ganze Story in Bildern

Ich schlucke. „Gibt es Träger?“, frage ich ängstlich. Immerhin rechnen wir bereits um 10 Uhr mit annähernd 40 Grad im Schatten – und Schatten gibt es auf dem Aufstieg kaum.

Ja, es gibt genügend Träger, beruhigt Kishore, und mein altersschwaches Herz beruhigt sich etwas.

Der Aufstieg

Vom Bed-Tea um 5:30 h bis zur Ankunft am Fuße des Tempelbergs vergingen 1,5 Std. Doli-Träger überfallen uns „Shiv-Doli, Shiv-Doli – 200 Rupees“ schreien sie von allen Seiten. Das soll wohl „Cheap Doli“ heißen. 30 Arme strecken Dir ihre Lizenzkarten entgegen. Die soll man mit ins Büro links vom Aufstieg nehmen und buchen.

Auf dem Vorplatz können auch lange Bambusstöcke gemietet werden, die den Aufstieg erleichtern sollen. Wir aber entscheiden uns für die Träger.

Dolis sind geflochtene Sitze, die von 2 Trägern an einer langen Holzstange getragen werden – empfohlen für leichtere Passagiere, die gern in Bodennähe bleiben.

Schwindelfrei sollten die Gewichtigeren sein, denen die Palaki (Vermutlich von Palankin abgeleitet) zu empfehlen ist. Ein Tragsessel an zwei Bambusstangen, mit dem Du in luftiger Höhe auf den Schultern von 4 Trägern den Berg hoch geschaukelt wirst.

Während Marion sich für eine Doli entscheidet, wähle ich die Palaki. Am Berg stellt sich dann aber heraus, daß Marion den Trägern einen halben Urlaubstag finanziert. Mehr for fun und fürs Erinnerungsfoto setzt sie sich ein paarmal kurz in die Schaukel .- bei mir ist es galoppierende Vergreisung, und die selbsterklommenen Stufen bleiben im unteren 3-stelligen Bereich....

Um so größer meine Scham, nachdem mir gleich zu Beginn des Aufstiegs ein entgegenkommender Jain-Pilger mit strenger Stimme zuruft: „You can walk!“

Auch für Chandra und Kishore gibt es keine Wahl. Den Aufstieg zu Fuß zu machen, ist die notwendige Buße auf dem Weg zu den Göttern. Darauf angesprochen, versichert Kishore, daß er keine Sünden zu büßen hat – er büße für unsere Sünden.

Was meine Schmach nicht unbedingt mildert....

Palitana-Tipps

Ausreichend Mineralwasser und Imbiß mitnehmen – auf dem ganzen Berg gibt es nur „Tankstellen“ für Inder und nichts zu essen.  Zwar habe ich das Wasser folgenlos getrunken – aber nicht jeder hat den Segen der vieltausendfachen Götterschar des Tempelberges und einen widerstandsfähigen Magen.

Der Aufstieg dauert mindestens 2 Stunden – mit oder ohne Träger. Und oben findest Du eine regelrechte Tempelstadt, die sich mit ihrer Steinmetzkunst in Sandstein und Marmor durchaus mit Ranakpur und Delwara messen kann, jedoch wesentlich größer ist.

So kann sich der Aufenthalt auf der Bergspitze über Stunden hinziehen – besonders, wenn man auch der Auktion der Poojas und den Zeremonien beiwohnen möchte.

 

Perfekter Ausklang:
AM STRAND VON DIU

Hier geht sie zu Ende – unsere Gujarat-Discovery, und mit der Durchfahrt durch das protzige Tor an der Grenze scheinen wir nicht nur Gujarat, sondern auch Indien zu verlassen. Das kleine Inselchen atmet den verträumten Geist portugiesischer Gelassenheit, und seine von Hoka- und Phönixpalmen gesäumten Strände scheinen Dir zuzuflüstern: „Abhängen – nur kein Streß – laß Dir Zeit!“

Foto-Galerie

Wir ziehen auf Empfehlung Kishores ins Resort Hoka am Nagoa-Beach von Aditya Dogra, sehr nett auch seine Jungs Pandey und Prakash. Und diese Entscheidung haben wir in den ganzen 9 letzten Tagen unserer Reise nicht bereut.

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“Hey Ihr – kommt in meinen kleinen Dschungel!”, ruft uns dieser kleine Mowgli zu. Ein wenig Dschungel aus Kerala, Palmenstrand mit portugiesischem Flair wie in Goa – nur ohne die Touristenscharen: Das ist Diu...

Bei Pandey erkundige ich mich bei der Ankunft nach Moskitos. Auf der ganzen Reise haben wir nur an wenigen Orten unsere Waffen gegen diese Plager einsetzen müssen.

Wenn mal welche da waren, bekamen wir von unseren Gastgebern die sonderbarsten Statements zu hören. Nawab Shabbir in Zainabad beispielsweise sagte, es sei komisch – aber Moskitos gäbe es erst seit dem Beben. Und hier in Diu war Pandeys Antwort noch lustiger. Auf meine Standardfrage nach den Mücken blickte er auf die Uhr und meinte dann: „No, after 7 p.m. they all go to the forest...“

Gesehen habe ich wirklich keine. Dennoch habe ich mir gleich am ersten Abend zwei bis drei Stiche eingehandelt – mit Autanstift und Mückenverdampfern in den Steckdosen ging’s dann aber.

Wer wie ich seinerzeit aus dem mückenarmen Kerala nach Rajasthan reiste, um dort völlig unvorbereitet regelrechte Moskitoinvasionen zu erleben, der kann auf den meisten unserer Stationen in Gujarat aufatmen: Verblüffend wenige – besonders auf dem Land.

Nur hier in Diu haben die Moskitos mich wieder geärgert. Nicht daß es viele wären – aber wenn Dich einer erwischt, gibt es widerlich große Juckstellen. Man kratzt sie leicht wund, zumal hier der einzige Ort in Indien zu sein scheint, an dem die Mücken sich nicht an die vorgeschriebenen Landebahnen halten. Als ich erkenne, daß hier nicht nur die Unterbeine und –arme angegriffen werden, beginne ich das Repellent etwas großzügiger aufzutragen. Aber da habe ich schon 5 herrlich juckige Treffer an Hüfte, Hintern und Oberschenkel. Dabei ist es dann Ganapathi-sei-Dank geblieben.

Als Schöpfer der Hoka-Idee ein perfekter Gastgeber: Aditya Dogra und...

Das Klima ist hier am Nagoa Beach ist eine echte Erholung nach der heißen Reise durch Gujarat – bis zu 5 Grad kühler ist es. Sogar im nahen Diu Town ist es wärmer.

2 Fußminuten zum Nagoa Beach, wo beim ersten Erkundungsspaziergang wir als Stammgäste des Kerala-Strands in Kovalam verblüfft feststellen, daß hier nicht die Inder patrouillieren, um die Weißen und ihr blößenwahngesteuertes Strandtreiben zu bestaunen – es ist zum ersten Mal umgekehrt. Hier tummeln sich vollbekleidete Inderinnen und Inder im Wasser, und wir sind es, die erstaunt zusehen.

Allerdings spürt man die Auswirkungen des Erdbebens hier besonders deutlich. Keine Zerstörung immerhin, aber auch nur ganz wenige Touristen. In den Saisonmonaten Dezember und Januar wird das sicher anders sein.

Die Touristen kommen vorwiegend aus Indien (Gujarat und Punjab) – und es sind kaum mehr als 30 junge Leute. Ansonsten ist der schöne, breite Sandstrand kilometerweit menschenleer.

Mehr als 3 weiße Traveller haben wir an den ersten beiden Tagen hier nicht gesehen. Doch damit können wir leben, nicht wahr?

Keiner quatscht einen an, keiner versucht etwas zu verkaufen, überall scheint es Festpreise zu geben – wir sehen große Tafeln, auf denen das Tourism Departement alle Hotels mit Zimmerpreisen, die Bus- Taxi und Rikschapreise notiert hat. Unten drunter wird für den Fall überhöhter Preisforderungen um Complaints an das Departement gebeten – was für ein Indien ist denn das?

... sein Team Prakash (l.) und Pandey: Gewähr für saubere Zimmer und hervorragende Küche im Resort Hoka

Einzig das geballte Schnapsangebot an jeder Ecke beunruhigt. Was, wenn am Wochenende die Touris aus dem Prohibitionsgebiet Gujarat für ihre Sauforgien einfallen? Was wird dann aus dem verschlafenen, beschaulichen Diu? Aber auch diese Sorge war unberechtigt. Vereinzelt Halbwüchsige (kaum älter als 14, schätze ich) mit einer Flasche Whisky und Chips herumsitzen zu sehen, ist zwar kein Plus – aber zu den befürchteten Ausschreitungen kam es auch am Wochenende nicht.

Am Abend, als wir bei Dinner im Hoka sitzen, trägt aber der Wind vom Strand her das Jaulen und Johlen unzweifelhaft besoffener Kids herüber. „You hear the Jakkals? I hope they don’t disturb.” sagt da Aditya, und ich habe also die ersten Schakale meines Lebens gehört. Na, besser so als volltrunkene Teenager.

Es sind schlichte Zimmer, die wir im Hoka bekommen – aber alles ist erstaunlich sauber. Es soll bessere Wohnqualität geben – vielleicht das Radhika-Resort gleich nebenan. Aber wir suchen in erster Linie nette, hilfsbereite Menschen. Die haben wir im Hoka gefunden.

Schönheit vom Stamme der Rathwa (in Kanwat)

Auch soll es andere akzeptable Restaurants in Diu geben. Auch darüber können wir nichts berichten. Das Essen, die Sauberkeit der Küche und der freundliche fixe Service im Resort Hoka waren einfach zu gut. Probiert einmal das Pepper-Chicken mit Zwiebeln, die Tomatoe-Prawns und die vielfältigen Gemüsezubereitungen. Eigentlich müßte man sogar die Pommes frites des Hoka loben, denn wir haben zweimal unterwegs einen Snack genommen, zu dem grauenhafte, schmuddelige Pommes serviert wurden, die innen auch noch halb roh waren. Doch Fritten stehen wohl nicht obenan bei den Indienreisenden – bei der Vielfalt, die die indische Küche bietet.

Aber in den letzten Tagen vielleicht doch?

Sie sind ruhig, diese letzten Tage. Ein, zweimal waren wir am Beach. Aber meist war die einzige tägliche Sensation, wenn gegen Mittag die zweimotorige Turboprop der Jet-Airways vor dem Hoka landet. Die Start- und Landebahn des winzigen Diu-Airport endet nämlich genau vor unserer Tür.

Und so ein Hotel will der uns empfehlen? So höre ich Dich schon murmeln. Aber laß Dir sagen: Es war keinerlei Lärmbelästigung festzustellen – das Flugzeuggeräusch taucht um 11:30 h auf wie aus dem Nichts, dann hört man die Maschine wenige Sekunden – leiser als ich gedacht hätte bei der Nähe, und dann verschluckt der Wind das Geräusch schon wieder.

Island in the Sun: Diu

(Aus den InderNettNews Nr. 106 v. 26.7.01)

Diu, die kleine Insel in der Sonne, 13 km lang und ca. 3 km breit, liegt an der Südküste von Gujarat, im Golf von Khambhat. Es ist unser ausgesuchtes Ziel für eine geruhsame Strandwoche als Verlängerung unserer Gujarat-Discovery. Diu ist übersät mit Palmen und Ruinen, welche aus der Zeit der Portugiesen stammen. Seine Beschreibung stammt aus der blumigen Feder eines indischen Journalisten aus Diu.

Diu unterscheidet sich von den naheliegenden Gujaratstädten Kodinar und Una durch seine portugiesische Geschichte, die die Stadt geprägt hat. Dies sieht man an den engen und weiten Strassen, den Plazas und schön gestalteten Gebäuden, die den Charm Diu’s ausmachen.

Diu war eine großes Handelszentrum von 1300 - 1500 für die osmanischen Türken, welche die Seerouten in der Arabischen See kontrollierten. Wegen seiner wichtigen Bedeutung entschlossen sich die Portugiesen damals diese Enklave zu erobern. Dies war im Jahr 1531 das erste Mal, aber nicht erfolgreich. 6 Jahre später gelang dann aber die Eroberung und die Portugiesen bauten ein Fort auf die Insel.

Diu erinnert an eine Stadt am Mittelmeer, entspannend für die Seele und Geist. Diu beginnt zu einem populären Ziel für Touristen aus Indien und der Welt zu werden. Alle werden angezogen von den langen, leeren Stränden. Und wenn man genug davon hat, kann man die alten Ruinen der Portugiesen entdecken, die umgeben sind von altem kolonialen Geist. Diu ist auch ein Freihafen, wo es Alkohol ohne Beschränkung gibt, im Gegensatz zu den Nachbarstädten.

Die Insel ist von Festland nur durch einen kleinen Kanal getrennt und an beiden Enden durch eine Brücke mit dem Festland verbunden. So ist es möglich, durch das portugiesische Dorf Ghoghla im Osten oder durch Veraval oder durch Somnath im Westen die Insel zu betreten.


“Die junge Frau und das Meer“ – digital eingefangen im Februar von Marion und mir. Mehr Fotos in der Diu-Galerie bei KD-online

Das Fort de Mar, im Jahre 1541 erbaut von den Portugiesen, ist in einem langsamen Verfallprozess, aber immer noch die Hauptattraktion für die Touristen mit der langen Reihe von Kanonen. Es wird gesagt, daß das Fort von Vasco da Gama erbaut wurde.

Diu Hauptindustrie ist der Fischfang, gefolgt von den Destillationen, dem Tourismus und der Salzgewinnung. Der Hafen von Diu, wo die Fischerboote an und ablegen, ist der belebteste Platz. Man kann einige Stunden hier verbringen und den Ritualen der Fischer zuschauen. Interessant die portugiesischen quadratischen Häuser; ein Gemüsemarkt; der Fischmarkt, wo der Verkauf stattfindet mit dem Geschäftshöhepunkt um 10 Uhr morgens. Das Labyrinth der schattigen Strassen, welche zum Hauptplatz führen und in bunten Farben angestrichen sind.

Nicht weit entfernt sind Diu’s 3 große Hauptkirchen. Die majestätische St. Paul’s Kirche ist die einzige funktionierende Kirche, die anderen dienen heute weltlicheren Zwecken. In einer Kirche werden sogar Zimmer an Touristen vermietet. Der Grund ist, daß nur noch wenige Christen in Diu leben. Die Kirche ist aus wunderbaren Holz und hat alte Malereien. Der Blick von der Terrasse auf die Wasserseite, den Strand mit der tiefblauen See ist einfach atemberaubend. Die Kirche von St. Thomas beherbergt das Diu Museum und eine große Sammlung von Statuen katholischem Ursprungs.

Diu jedoch ist beliebt für seine Strände, wie Nagoa Beach, Jallandhar Beach, Chakratirth Beach und Sunset Point. Diese Strände sind einfach einzigartig, unverdorben und absolut sicher zum schwimmen. Das Meer am Golf von Cambay ist blau mit kleinen schäumenden Wellen. Am Strand sieht man einige Touristen, die sich zum Sonnenbaden hingelegt haben.

Nach einigen Tagen in diesem friedlichem, luftigem Diu ist man wieder mit sich und der Welt im Einklang.

Wie kommt man nach Diu?

Jet Airways hat einen täglichen Flug von Bombay (ab Bombay 10:45, an Diu 11:45) und eine Rückflug nach Bombay (ab Diu 12:05, an Bombay 13:15). Der Preis 90 US$ oneway.

Dergestalt verkehrsgünstig erreichbar, ist Diu nicht nur ideale Verlängerung für die Gujarat Discovery, sondern auch eine gute Alternative für die 21-Tagegäste der Rajputana Discovery, die wir früher nach Goa geführt haben. Diu liegt günstiger und ist vor allem noch nicht so überlaufen wie Goa.

 

 

Ausflug nach Sasan Gir – Löwensafari mit Hindernissen

100 km auf teilweise schlechter Straße kosten uns dennoch nur 2 Stunden, und der moderne Toyota Qualis RS 1500 pro Tag. Snacks einpacken und im Winter (Dez-Feb) warme Kleidung. Bei der Morgensafari kann es 10 Grad kalt werden. Das Speiseangebot am Gir-Forest ist bescheiden – auf halbem Weg in Kodina soll das Hotel Sunshine zu empfehlen sein, saubere vegetarische Punjabi-Küche.

Bei der Ankunft sind wir noch skeptisch: Mit seinem prächtigen Tor und den gepflegten Parkanlagen dahinter erinnert der Sasan Gir Nationalpark eher an die Freiluftzoos in Deutschland. Doch hier handelt es sich lediglich um Verwaltungsgebäude und Resthouses – das eigentliche Naturschutzgebiet liegt einige Kilometer entfernt.

Die Hanuman-Languren – Akrobaten der indischen Wälder

Dann erst einmal der Frust indischer Bürokratie. Hinter einem protzigen Tor pendeln wir erst einmal hilflos zwischen den Beamten, die das Sinh Sadan Guesthouse verwalten und dem zugegegebenermaßen freundlichen Beamten am Reception Desk. Hier scheint kaum jemand genug Englisch zu beherrschen, um die wichtigsten Fragen zu beantworten.

Die neue Form der umgekehrten Rassendiskriminierung bekommen wir gleich im Reception Center zu spüren. Auf einer großen Tafel waren die neuen Tarife notiert, und wir erkannten schnell, für wie reich Ausländer hier gehalten werden.

Wo Inder 30 Rupien (0,65 $) zahlen, werden Bleichgesichter mit 5,00 $ zu Kasse gebeten. Für den Fotoapparat werden noch mal 5,00 $ berappt, und wer so vermessen ist, eine Videokamera vorzuführen, muß ein Schmerzensgeld von 200,00 US$ bezahlen. In Worten: Ganzezweihundertamerikanischebucks! Dank Marions hervorragendem Riechsalz konnte ich nach Kenntnisnahme dieser Tarife schon nach wenigen Minuten das Bewußtsein wiedererlangen.

Wir wollten dann die Zimmer sehen und bekamen das obligatorische „Rooms not available.“ (wie es schon in Reiseführern notiert ist – man hat angeblich keine Lust). Wir wollten die Formalitäten für die Safari erledigen – „Please, come 4 o’clock!“

Axis-Wild – „...jede Menge süßer Bambis...“

Wie schön und bequem ist es doch, immer einen orts- und sprachkundigen Escort dabeizuhaben! Chandra und Kishore fehlten uns heute doch, und ich  bereue mein unbekümmertes „Klar!“, als Chandra vor ein paar Tagen beim Abschied fragte, ob wir alleine zurechtkommen.

Doch es war nur ein kurzer Anflug von Frust. Mit etwas Nachdruck, Händen und Füßen war wenig später auch das geklärt, was mangels Englisch zunächst schwierig schien: Wir besaßen unser Sanctuary Visit Permit, saßen im offenen Geländewagen und fuhren mit  einem Driver durch den trockenen Wald in den 1.412 Quadratkilometer großen Gir Nationalpark.

Allerdings mit wechselhafter Erwartungshaltung. Einerseits wollten wir für unsere vielen Dollars was geboten bekommen – andererseits hörten wir von verschiedenen Seiten, daß nachmittags die Chancen zur Tierbeobachtung weit geringer seien als bei der Morgensafari. „One per cent only!“, sagte unser Fahrer, und es hat einige Zeit gedauert, bis ich dahinterkam, was er meinte. Seiner verbogenen Aussprache entnahm ich zunächst, daß „nur  eine Person“ mitfahren dürfte.

Aber wir waren darauf vorbereitet. Mittags um 12 Uhr sind wir von Diu mit kleinem Marschgepäck aufgebrochen, um bei Nichterfolg im Park zu übernachten und am Morgen die Safari zu wiederholen.

Schon seltener – ein Sambar-Hirsch, groß wie ein Pferd

Die ersten Tiere, die wir gegen halb Fünf sahen, waren die Wasserbüffel und Zebus der Maldharies – Hirten, die angeblich ihre Tiere nicht mehr im Gir Nationalpark weiden lassen dürfen und als die Hauptleidtragenden des Naturschutzes gelten. Weideflächen wurden ihnen genommen und zusätzlich verlieren sie regelmäßig Tiere durch die Löwen und Leoparden des Parks.

Eigentlich sollte ich es nicht zugeben und meiner eigenen Rajputana Discovery Konkurrenz machen: Die Hirten Gujarats gefallen mir noch besser. Ganz in  weiß mit ihren Rüschenwämsen und den verwegenen Schnauzbärten, die in ihrer Breite mit den ausladenden Turbanen wetteifern. Und die Beinkleider, die für die vorwiegend aus Hülsenfrüchten bestehende Nahrung optimiert scheint: Oben sehr weite Pluderhose, am Unterschenkel jedoch enganliegend und luftdicht.

Aber dann endlich wilde Tiere. Prächtige Chitalhirsche mit ausladenden Geweihen kreuzen mit ihren Herden den Weg, jede Menge süßer Bambis, deren Mütter sich auch durch unseren Jeep nicht beim Säugen stören lassen. Was die Inder Chital nennen, heißt bei uns Axis und – wegen der hellen Flecken, die bei unserem Rotwild nur die Kitze haben – in Englisch „spotted deer“.

Dieses Rehwild, das wir bereits in großer Zahl in den anderen Reservaten unserer Rundreisen gesehen haben, stellt auch bei unserer Gir-Safari heute die größte Anzahl. Futtertiere für die Raubtiere, die vermutlich sattgefressen irgendwo im Gesträuch schlafen. Kein Löwe, kein Leopard läßt sich blicken.

Daß der Pfau ursprünglich aus Indien stammt, das wissen wir, oder?

Statt dessen schauen schöne Langurenaffen belustigt zu uns herab, eine Unmenge von Pfauen links und rechts des sandigen Pfades, Papageien und andere bunte Vögel – und Marion glaubt gar, einen Mungo gesehen zu haben. Überhaupt scheint sie heute die besseren Augen zu haben – unser Fahrer und Guide (mit 10 Dollar teuer eingekauft) muß meist von Marion auf das Wild aufmerksam gemacht werden, damit er das Fahrzeug stoppt.

Und dann will der Driver bei seinen Freunden im Forest Checkpost an einem der hinteren Eingänge zum Park noch eine halbe Stunde Pause machen. Es sei noch zu früh, erklärt er. Die Tiere kämen erst nach 17:30 aus der Dickung – wir würden sicher mehr zu sehen bekommen, wenn wir hier ein wenig abwarten.

Wart’s nur ab – das geht alles vom Bakschisch ab, murmelte Marion grad noch, da kommt der Fahrer mit einem weiteren Mann zum Jeep zurück und bedeutet uns, wieder einzusteigen. Er startet den Benziner (Diesel sind hier im Gir nicht erlaubt) und legt den Allrad ein. Dann geht es zielstrebig vom Fahrweg herunter in den Dschungel (verboten!). Nachdem wir etwa 50 Meter über eine Marterstrecke geschaukelt und von herabhängenden Ästen gepeitscht worden waren, hielt der Wagen und wir mußten zu Fuß weiter (noch verbotener!).

Die letzten indischen Löwen – auf das Schnalzen des Wildhüters richtet sich die linke Löwendame träge auf. Den ganzen Tag haben die zwei Damen dort im Schatten des Unterholzes geschlafen.

Nach wenigen Schritten stehen wir auf der Böschung am Ufer eines ausgetrockneten Bachs, und die beiden Inder zeigen stolz hinunter. Tatsächlich – da lagen sie am anderen Ufer und dösten, kaum 20-25 Meter entfernt: Zwei prächtige, große Löwinnen!

Unser Fahrer stößt ein paar Knurrlaute aus, und wirklich – die beiden Löwendamen erwachen und richten sich auf. Als sie zu uns herüberschauen, messe ich etwas unsicher die Distanz. Ein paar Sätze, und in nicht einmal 2 Sekunden wären sie hier, schätze ich.

Der Fahrer hat wohl meinen  besorgten Blick bemerkt und beruhigt mich: „No maneaters here.“ – nun, da habe ich aber was anders gelesen. Zumindest diese Löwinnen scheinen aber satt. Träge blicken sie zu uns herüber und machen keine Anstalten, sich zu erheben.

Wir sind von dieser Begegnung tief beeindruckt. Zumal wir gar nicht mehr damit gerechnet hatten, stehen wir hier unbewaffnet Auge in Auge mit dem König der Tiere. Und ich sage Euch – dieser Anblick aus 20 Metern beeindruckt um ein Vielfaches, verglichen mit Zoo- und Zirkuslöwen hinter daumendicken Eisengittern!

Es war zweifellos ein großes Glück und der absolute Höhepunkt einer Gir-Safari. Der Freund unsere Fahrers aus dem Check Post bekam natürlich ein dickes Trinkgeld – er hatte die schlafenden Tiere am nachmittag entdeckt und uns dorthin geführt. Uns – und nicht die indischen Insassen eines privaten Jeeps, der ein paar Minuten vor uns hier vorbeigekommen war. Über den hatten wir uns noch zuvor geärgert, als er uns überholte. Jetzt fährt dieser auffällig weiß lackierte Jeep mit seinem schwatzenden Inhalt vor uns her und verscheucht uns das Wild, hatte ich noch gedacht.

Vom Strand von Diu mal eben nach Gir, Löwen sehen und wieder heim – so gelang es uns. Immer wird das nicht funktionieren.

Wer hier einen Privatjeep chartert, muß angeblich damit rechnen, daß die Fahrer zu schnell durch den Park rasen. Sie werden nach Kilometern bezahlt und versuchen eine möglichst große Strecke zu schaffen, berichtet der Reiseführer vom Reise-Know-How-Verlag.

Die Jeeps der Forstverwaltung kosten pauschal und fahren gemächlicher, was sicher den Beobachtungsgenuß fördert.

Ein Dank posthum gebührt auch den Nawabs von Junangadh, die im 19. Jh. den indischen Löwen im Gir Forest unter Schutz stellten, denn der letzte Löwe außerhalb des Parks wurde bereits 1884 erlegt. Trotzdem - um 1900 gab es in Indien nur noch 12 Löwen im Gir Wald – heute sind es aber schon wieder über 300 Tiere. Eine gute Chance also, auch auf unseren künftigen Safaris den Löwen zu sehen.

 

 

 

Es gab natürlich auch Flops

Etliche Stationen, die wir erkundet haben, finden keine Gnade vor den Augen des Reiseplaners. Teils weil sie weniger attraktiv sind – oder wie zu weit abseits liegen. Das liegt in der Natur einer Pionierreise, daß wir uns für spätere Reisen die Rosinen herauspicken. Der Dangs-Distrikt wird bestimmt später ein lohnender Stützpunkt sein. Nämlich dann, wenn der alte Maharaja-Palast in Vansda für die Gäste hergerichtet ist.

Den Weg zwischen Valsad und Vadodara (Baroda) werden wir auf unserer nächsten Gujarat-Discovery vom Ankunftsflughafen Mumbai aus mit der Eisenbahn zurücklegen. Unseren Abstecher nach Süd-Gujarat will ich zum Schluß dieses Gujarat-Kapitels aber doch kurz beschreiben.

Wir fahren mit dem Toyota den NH 8 nach Süden

Plötzlich eine Mautstelle, und für 20 Rupien gelangen wir auf eine Autobahn durch die Steinzeit, auf der wir atemberaubende 120 km/h Spitze erreichen. Allerdings nicht für lang, denn immer wieder bremst uns die indische Wirklichkeit auf Schrittgeschwindigkeit herunter: Ochsenkarren zotteln entgegen der Fahrtrichtung, eine Nomadenkarawane mit schwerbepackten Kamelen, Schaf-, Büffel- und Ziegenherden werden vor uns hergetrieben. Manchmal ist es auch nur ein havarierter LKW, der anderthalb Fahrspuren blockiert – „gesichert“ mit einem „Mini-Stonehenge“ aus kleinen Felsbrocken...

Mautstelle in Gujarat – hier zahlst Du Eintritt für die Autobahn durch die Steinzeit

Die Fahrt in den tiefen Süden Gujarats machen wir, um für die spätere Gujarat-Discovery einen Anschluß an den Airport Mumbai auszukundschaften.

Was unsere gutinformierten indischen Begleiter nicht wissen konnten: Diesen Highway werden wir Euch auf keinen Fall antun! Der NH-8 gehört zu den verkehrsdichtesten Nordsüdverbindungen Indiens, und Europäer dürften sich hier alle paar Minuten in höchster Lebensgefahr wähnen – und das gilt nicht nur für Indienneulinge!

Wir habe es gut überstanden und die wenigen kritischen Überholmanöver alle anderthalb Stunden in einem Midwayrestaurant oder einer Dhaba beim Imbiß oder Chai schnell wieder verdrängt.

Dieses Gujarat, wo der Chai aus der Tasse in die Untertasse geschüttet und geschlürft wird, gefällt uns in den ganz einfachen Lokalen am besten.

Immerhin führt uns diese lange, anstrengende Fahrt in das Tribalgebiet der Dangi-Adivasi des Dangs-Distrikts. Hier kommen wir zum allerbesten Zeitpunkt des Jahres nach Waghai, den der Basar kurz vor Holi ist ein Spektakel, das man nur einmal im Jahr erleben kann.

 

Trommeln, Tänzer, Teufelsmasken

Menschen(s)kinder

Ein paar Bilder von unserer Begegnung mit den Menschen auf der Waghai Fair in der Waghai-Galerie

Waghai im Dangs-Distrikt: der Mittwochsbasar der Dangis (Adivasi) wird heute wegen des bevorstehenden Holifests besonders bunt und lautstark gefeiert. Tänzer mit bunten Riesenmasken hüpfen zu schrägen Klarinettenklängen durch die Menge, geben den Gläubigen segnende Farbtupfer auf die Stirn und nehmen auch mal ein Baby auf den Arm, um mit ihm ein paar heilsbringende Runden zu tanzen. Trommlergruppen ziehen mit ohrenbetäubendem Lärm von Marktstand zu Marktstand – ihr Trommeln vertreibt alle Unbill und dafür kassieren sie von den Händlern reichlich.

Neben Textilien, Gemüse und Obst gibt es allerhand billigen Kirmeskram zu kaufen. Ballons, Rasseln, Windmühlen, Plastikschmuck. Dazu wird hier alles feilgeboten, was der ländliche Haushalt so braucht. Wir sind – frei nach Aristoteles - immer wieder erstaunt, wieviel Sachen es gibt, mit denen wir Europäer nicht das geringste anfangen können.

Prunkpalast und mieser Beach

Der Palast Digvi Niwas des Maharaja Digveerendra Sinh Solanki

Vansda: Der große Palast Digvi Niwas des Maharaja Digveerendra Sinh Solanki (der Onkel unseres Solanki) ist etwas heruntergekommen und die meisten Trakte sind unbewohnt, da der Ruler in Mumbai wohnt. Ab und zu wohnt seine Hoheit aber hier, Strom und fließendes Wasser sind vorhanden. Im Palastgelände ein Deer-Park mit etwa 50 Stück Rehwild (größtenteils Chital – spotted deer). Solanki will seinen Onkel überzeugen, den Palast für Gäste zur Verfügung zu stellen, um dieses prächtige Bauwerk zu erhalten.

Abends geht es zum Dinner an den übelsten Strand, den ich je nicht gesehen habe (es war stockfinster). Das Restaurant des staatlichen GTDC (Gujarat-Tourism-Development-Company) hat Solanki vor 7 Jahren geleitet (bevor er sich als Touristikfachmann selbständig machte) und hat seither wohl ziemlich viel mitgemacht. Solanki erzählt wehmütig von den alten Zeiten – wir sehen heute nur noch kaputtes Gerät auf dem unbeleuchteten Kinderspielplatz, ungepflegte Gartenanlagen mit heruntergekommenen Bungalows. Letztere sind aber innen erstaunlich sauber und mit Klimaanlage für nur 550 RS (27 DM) pro Tag zu haben. Doch auch für diesen mäzenatischen Tiefpreis möchte ich da nicht absteigen – der Strand ist grau und schmutzig und das Arabische Meer nicht nur jetzt in der Nacht fast schwarz.

 

 

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